Max hat geschrieben:Als Naturalist halte ich nichts vom Dualismus; es ist eine unsinnige Auffassung aus früheren Jahrhunderten, die einer kritischen Prüfung nicht standhält. Es gibt keine Belege für die These, dass so etwas wie eine Seele existiert.
Man kann den Begriff der Seele oder des Geistes ruhig weiterverwenden, sofern man darunter nichts weiter als den Inbegriff aller geistig-seelischen Zustände und Vorgänge in einem Lebewesen versteht.
Max hat geschrieben:Nach allem, was wir über den menschlichen Geist wissen, ist unser Geist ein Produkt unseres Gehirns.
In der Tat. Der Körper erzeugt den Geist, welcher davon abhängig bleibt, davon bestimmt wird.
Max hat geschrieben:Es ist daher unsinnig so zu reden, als ob es ein externes Selbst gäbe, das nachdenkt, und die Prozesse im Gehirn und parallel abliefen. (...) Dass sich die Person an sich ändert, ist darauf zurückzuführen, dass die Erlebnisse und das Bewusstsein des Menschen aus seinem Gehirn hervorgeht. Außer diesem Gehirn mit seinen neuronalen Verdrahtungen und Prozessen gibt es nichts.
Ich würde dennoch nicht sagen, dass ich als Selbst, als Person mit meinem Körper identisch bin.
Ich drücke es lieber wie folgt aus:
Das Personalpronomen "ich" bezieht sich auf meine Person bzw. mein Selbst, wovon sowohl mein Körper als auch mein Geist wesentliche Teile sind. Personen (Selbste) sind einheitliche körperlich-seelische Ganzheiten. Mein Körper ist der selbstständige Teil von mir, mein Geist der unselbstständige Teil. Unselbstständig ist letzterer deshalb, weil er vom körperlichen Teil abhängig ist, welcher ihn erzeugt. Es ist keine wesentliche Eigenschaft meines Körpers, Teil meiner Person zu sein, wohingegen es eine wesentliche Eigenschaft meines Geistes ist, Teil meiner Person zu sein. Das heißt, wenn ich, d.i. meine Person, aufhört zu sein, dann muss mein Körper nicht unbedingt auch aufhören zu sein. Dagegen muss mein Geist in dem Moment aufhören zu sein, in dem ich, d.i. meine Person, aufhört zu sein. Andererseits kann meine Person nicht weiterexistieren, wenn ihr körperlicher oder ihr geistig-seelischer Teil aufhört zu sein. Mein Körper und mein Geist sind, wie schon gesagt, wesentliche Teile von mir, d.h. ich kann weder ohne den einen noch ohne den anderen existieren. Eine Person kann unmöglich ihren körperlichen Teil verlieren und allein mit ihrem geistig-seelischen Teil als reines Geistwesen weiterbestehen. Genauso wenig kann ich, d.i. meine Person, ihren geistig-seelischen Teil verlieren, und als bewusstlose "Körperperson" weiterbestehen; denn zum Personsein gehört mehr als nur Körpersein.
Max hat geschrieben:Die Idee einer geistigen Substanz, teil derer unsere Seele ist, scheitert aber nicht nur an kognitionswissenschaftlichen Ergebnissen, sondern auch an grundsätzlichen ontologischen Überlegungen.
Die Idee immaterieller mentaler/spritueller Substanzen scheint bereits an ihrer begrifflichen Ungereimtheit zu scheitern.
"I think that the very idea of such objects may well be incoherent and unintelligible." "Ich denke, es kann gut sein, dass die ganze Idee solcher Objekte unstimmig und unverständlich ist."(Kim, Jaegwon.
Physicalism or Something Near Enough. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2005. p. 92)
Ich denke auch, dass wir es bei <immaterielle Substanz> bzw. <mentale/spirituelle Substanz> mit einem Unbegriff zu tun haben, d.h. mit einem fehlerhaften, widerspruchsvollen, unsinnigen Begriff.
Die Frage nach dem Dasein von Dingen, die unter diesen ungereimten Begriff fallen, hat sich damit
a priori erledigt—die Frage nach der Existenz Gottes als einer immateriellen Substanz damit freilich ebenfalls!
Max hat geschrieben:Schwerwiegender als dieses Wechselwirkungsproblem ist jedoch folgendes: Es lässt sich nicht erklären, wie sich der Geist entwickelt hat. Wenn es tatsächlich so wäre, dass eine Seele existiert, dann könnte man nicht erklären, warum dieses Selbst da ist und woher es diese Kompexität hat. Es gibt im Bereich des seelisch-subjektiven keine Evolution im phylogenetischen Sinne. Daher ist es auch nicht natürlich erklärebar, wie sich diese Komplexität herausgebildet hat. Aber selbst wenn dies so wäre, so könnte man dennoch nicht die Abgestimmtheit zwischen Geist und Gehirn erklären. Wieso passen Geist und Gehirn so perfekt zusammen? Wieso passt unser Ich so perfekt zu unseren Sinnen? Wieso entspricht unsere Seele haargenau den materiellen Abläufen in unserem Gehirn? Der Dualist hat auf diese Fragen keine zufriedenstellende Antwort.
Der religiöse Dualist meint, dass Gott die individuellen unsterblichen Seelen als nichtevolutionäre "Fertigwesen" aus dem Nichts erschaffen und in die natürliche Welt der (bio-)physischen Evolution hineingesetzt hat.
Und was das Problem der Geist-Körper-Interaktion anbelangt, so könnte er sich mit dem Okkasionalismus herausreden, indem er jegliche direkte Interaktion schlichtweg leugnet:
"System der Gelegenheitsursachen (»causae occasionales«), nach welchem a. alle Einzelursachen nur »Gelegenheiten«, Anlässe sind, während die wahrhafte (aktive, bewirkende) Ursache Gott ist. b. die Coordinationen, Wechselbeziehungen von Seele und Leib nicht auf direkter Wechselwirkung (»influxus physicus«, s. d.) beruhen, sondern von Gott (in jedem einzelnen Falle oder von Anfang an) hergestellt werden, so daß jeder physische Vorgang im Organismus für Gott die Gelegenheit gibt, einen entsprechenden psychischen auszulösen, und umgekehrt ein psychischer Vorgang die Gelegenheit für das Auftreten eines physischen ist."(
http://www.textlog.de/4768.html)
"Occasionalismus (franz. occasionalisme = Lehre von den Gelegenheitsursachen v. lat. occasio = Gelegenheit) heißt die Richtung der Philosophie, welche die Wechselwirkung zwischen Geist und Körper und den Einfluß der Seele auf den Leib und umgekehrt leugnete und die Übereinstimmung beider in jedem einzelnen Falle auf ein vermittelndes Drittes, Gott, zurückführte. Sie bildete sich in der Schule des Descartes (1596-1650) heraus."(
http://www.textlog.de/1887.html)
Max hat geschrieben:Der Naturalist schon: Der Körper hat sich evolutionär entwickelt und der Geist geht aus der Materie hervor.
Was bedeutet, dass auch der Geist, das Bewusstsein über einen sehr langen Zeitraum hinweg peu à peu evolutionär entstanden ist, immer komplexer werdend.
So wie es eine Naturgeschichte der Lebewesen gibt, gibt es auch eine Naturgeschichte der Seelen/Geister.