Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » So 22. Jul 2012, 17:52

Vollbreit hat geschrieben:
Darth Nefarius hat geschrieben:Ein Wesen, das noch nichts versteht, hilflos ist, wird quasi wie ein Opferlamm für einen Ritus an einer intimen Stelle verletzt (und damit missbraucht) und ausgerechnet von den Leuten, denen es zuerst gelernt hat zu vertrauen (die Eltern). Das ist der Inbergiff von Würdelosigkeit und Demütigung.


Die Eltern führen die Beschneidung meines Wissens nicht selbst durch.
Man kann über den Sinn oder Unsinn von Initiationsritualen meinetwegen ruhig diskutieren.

Nein, aber sie veranlassen es, kommen nicht zu Hilfe. Das schutzbedürftige Kind erleidet einen Vertrauensbruch. Wir diskutieren doch die ganze Zeit über diesen rituellen Unsinn! Du hast vorhin gefragt, inwiefern die Menschenwürde durch die Beschneidung verletzt wird, ich habe dir da alles genannt. Was antwortest du darauf? Dass die Eltern es selbst nicht tun? Dass wir drüber diskutieren können? Du weichst aus, was ich genannt habe, ist ein großer Eingriff in die Menschenwürde, hier hast du den Vergleich zu einer höherwertigen Sache: Der Würde des Menschen, die hier definitiv angetastet wird.
Vollbreit hat geschrieben:
Darth Nefarius hat geschrieben:
Vollbreit hat geschrieben:Wieso bist Du der Auffassung, dass ich das meine?
Nur kannst Du nicht einfach aus dem Grundgesetz einen Artikel, der es unter die Top 10 geschafft hat mal eben streichen.

Ich meine das, weil du ernsthaft gefragt hast, was denn mehr Gewicht hätte als Religionsfreiheit.


Es steht im Grundgesetz, ich habe das nicht geschrieben.

Und wieso stellst du dann diese Frage??? Du wolltest die Antwort darauf, warum ich meine, dass du die Religionsfreiheit als höchstes Recht betrachtest, habe ich dir hiermit geantwortet. Schläfst du gerade, oder wieso vergisst du, was du selbst geschrieben hast?? Deine jetztige Antwort ergibt keinen Sinn!
Vollbreit hat geschrieben:Ansonsten schrieb ich, dass man die relevanten Punkte des GG gegeneinander abwägen muss.

Das muss man, das tust du in diesem Fall anders als ich. Ich habe doch die ganze Zeit abgewägt, habe nie bestritten, dass es die Religionsfreiheit gibt! Wozu sagst du mir, dass man abwägen soll? Ich frage nochmal: Schläfst du gerade?? Wenn man Für das Beschneidungsverbot ist, kann man auch abwägen. Ich und andere hier kommen zum Schluss, dass die Religionsfreiheit nicht so viel wert ist, wie die Unversehrtheit des Kindes. Deine Kommentare werden zusehens hilfloser, du drehst dich im Kreis.
Vollbreit hat geschrieben:
Darth Nefarius hat geschrieben:Und hier ist nichts anderes passiert. Es wurde in diesem einzelnen Fall ausgewertet und befunden, dass die Unversehrtheit des Kindes mehr wert ist als ein archaischer Ritus. Wieso fällt dir diese Sicht darauf in diesem Fall so schwer? Du hast offensichtlich zumindest in diesem Fall die Fähigkeit abzuwägen, warum kannst du nicht erkennen, dass deine eigenen Worte auf diesen Fall zutreffend sind?


Ja, das ist passiert. Warte mal ein paar Wochen.

Mir ist bekannt, dass gerade ein Gesetz durchgepeitscht werden soll, das bedeutet nicht, dass es rechtens wäre. Ein Beschluss von deutschen Beamten, die sich in ihre Anzüge scheißen, weil sie bloß nicht als Nazis bezeichnet werden wollen, werden natürlich mit großer Mehrheit die Unversehrtheit des Kindes ignorieren. Deren Feigheit gibt dir nicht Recht.
Vollbreit hat geschrieben:Ja, man könnte sich wundern, dass die Reaktion der Religiösen so dünnhäutig ausfiel. Hat ja auch sein Gutes, wann sind Juden und Moslems schon mal einer Meinung?

Ein anderes Thema, ich kann darüber wenig lachen, wenn hier Religiösität sich in einem angeblich säkularen Staat wieder durchsetzt.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 22. Jul 2012, 18:23

Vollbreit hat geschrieben:Nur, was genau macht denn eigentlich den Kern einer Religion aus? Fasten, Beten, Singen, spezielle Kleidung, Reinigungsrituale, Tätowierungen, Rezitationen, Gebetsbänder, mit dem Kopf zu wackeln, Tänze, Hüte, Bärte, Verschleierungen, Zeremonien und Feste…? Was genau wäre denn nicht verzichtbar?

Mir ist das persönlich relativ egal, was für Lieder die Religiösen in ihrer Freizeit singen. Auch beschneiden können sie sich gern, so viel sie wollen. Sie sollen aber den Leuten die Freiheit lassen, sich zu einer Religion zu bekennen, anstatt zu einer bekannt zu werden.

Vollbreit hat geschrieben:Es ist so, dass eine Gemeinschaft dann umso besser zusammenhält, je mehr Opfer sie von den Mitgliedern verlangt.

Erstmal finde ich es befremdlich, wie selbstverständlich du Zusammenhalt als Wert an sich gutheißt. Wenn in einem fränkischen Dort jahrzehntelang der Vater die Tochter vergewaltigt, wie ja bekanntlich geschehen, ist der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft beispielsweise gar keine gute Sache. Man sollte also den Kontext beachten. Dass Opfer den Zusammenhalt fördern, mag sein, ist deshalb aber noch lange nicht gut (das wäre ja ein glatter naturalistischer Fehlschluss).
Vor allem aber sollte niemand mit derartiger Selbstverständlichkeit in eine Religionsgemeinschaft hineingeboren werden. Entscheidend muss das eigene, freie Bekenntnis sein, und das ist bei einem Säugling oder Kind eben nicht gegeben.

Vollbreit hat geschrieben:Man entspricht mit schiefen Zähnen in den meisten Fällen einfach nicht der Schönheitsnorm und darüber entscheiden die Eltern, auch wenn die Kinder nicht wollen. Die Eltern entscheiden auch oft gegen den Willen der Kinder, dass selbstverständlich Abi gemacht wird. Die Eltern können dem Kind so rein weltbildmäßig den größten Mist eintrichtern, mit dem sie ein Leben lang versaut sind.

Umso seltsamer, dass du dagegen bist, dass die Gesellschaft ein wachsames Auge auf die Kindererziehung hat. Übrigens finde ich den Vergleich zwischen einen Schulabschluss erwerben (gegen den das Kind sich durchaus auch wehren kann) und ein Körperteil abgeschnitten bekommen auch ziemlich daneben.

Vollbreit hat geschrieben:Im allgemeinen ist Deutschland ein sehr kinderunfreundliches Land, so ziemlich nichts ist darauf ausgerichtet, dass das Wohl der Kinder hier groß beachtet wird. Da wundert es mich schon mit welchem Elan da von allen Seiten an der Vorhaut gezerrt wird.

Wir sind dir nicht orthodox genug?

Vollbreit hat geschrieben:Alarmistisch bin ich nun gerade nicht, ich halte die Debatte für vollkommen überflüssig.

Zur Kenntnis genommen.

Vollbreit hat geschrieben:Es ist ein Vorschlag, doch die Kinder unversehrt und dann mit 18 selbst entscheiden zu lassen. Nur in diesem Punkt? Warum?

Nicht nur in diesem Punkt, in so vielen Punkten wie möglich und sinnvoll. Die Berufswahl überlässt man dem Kind ja auch selbst. Natürlich versucht man Einfluss auszuüben und ein Ingenieurssohn wird wahrscheinlicher selber Ingenieur als ein Bäckerssohn, aber dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, solange eine realistische Wahlmöglichkeit besteht. Es ist auch ok, dass die Eltern ihren Wunsch und ihre Hoffnung äußern, dass das Kind der eigenen Religion treu bleibt. Aber ihm als Säugling ein Brandzeichen zu verpassen ist hilflos und übergriffig.

Vollbreit hat geschrieben:Warum sollte man den Gläubigen eine Verhaltensänderung aufdrängen, ohne noch mehr Fundamentalismus zu schüren? Mit welchem Recht. Das Ende vom Lieb ist, dass der Staat aufgeregt zurückrudert und die Gläubigen verstört sind und sich so unangenommen fühlen, wie sie sind. Die anderen, die wirklich denken, dass der Staat die Akzente verschieben könnte, sind ebenfalls verstört.
Tolle Sache. Ich meine, man hat ja inzwischen eine gewisse Routine in Kuränderungen bei denen heute das Gegenteil von gestern verkündet wird, die Bürger quittieren es mit wachsendem Desinteresse. Verständlich.

Äh... der "Staat" ist derzeit eigentlich auf der Linie, alles so zu belassen, wie es war, wie die ganzen Eilanträge zeigen. Es sind die angeblich so desinteressierten Bürger, die in leichter aber doch klarer Mehrheit für ein Beschneidungsverbot sind. Und dass die Gläubigen verstört zurückbleiben könnten, ist ein echt ängstliches Argument (dass Kinder verstört zurückbleiben könnten, ist ja nicht so wichtig wie die verstörten Erwachsenen, die mit Mitte 40 mit sowas immer noch nicht umzugehen gelernt haben, die armen Hascherln). Anpassungsprozesse sind nunmal schmerzhaft und wer noch jahrtausendealten Riten anhängt, kann sich mit wachsender Wahrscheinlichkeit um eine Reform irgendwann nicht mehr herumdrücken. Irgendwo in einem der verlinkten Artikel stand beispielsweise, dass ein Drittel der israelischen Eltern auf die Beschneidung gern verzichtet hätten, wenn der soziale Druck aus dem Umfeld nicht so groß gewesen wäre. Ähnlichen Druck habe ich während meiner eigenen Zeit in Damaskus gesehen, wo eine Frau einfach schwer unverschleiert aus dem Haus gehen kann, weil die Nachbarn sich dann aufführen wie im Kindergarten und mit Eimerchen und Schäufelchen werfen. Es ist also möglicherweise so, dass das Verbot und die derzeitige gesellschaftliche Diskussion gar nicht so viele Gläubige ins Mark trifft, wie die religiösen Apologeten der Orthopraxis lautstark insinuieren und denjenigen, denen das wirklich so wehtut, tut der Denkanstoß vielleicht auch mal ganz gut.

Vollbreit hat geschrieben:
Nanna hat geschrieben:6. Der Eingriff in das Erziehungsrecht der Eltern ist an dieser Stelle ein begründeter Fall. Begründungen und Paragraphen findest du dafür in diesem Thread mehr als genug. Wir könnten den halben Thread löschen und hätten immer noch genug Begründungen dafür übrig, warum Beschneidung nicht erlaubt sein sollte.


Komisch dass man erst 2012 drauf gekommen ist, wenn die Sache derart klar ist.

Gegen die Beschneidung an männlichen Kindern wurde hier im Forum schon öfter mal etwas eingewendet, aber gesamtgesellschaftlich hat eben der zündende Funke gefehlt, der das Thema mal auf die Tagesordnung geholt hat. Es sind verdammt viele Sachen klar, z.B. dass unser Umgang mit Tieren fast durchgängig extrem unethisch ist, dass ein Tempolimit die Umwelt schonen und Zahl und Schwere der Verkehrsunfälle verringern würde und dass die Institution der Ehe in ihrer rechtlichen Ausgestaltung mit den realen Verhältnissen nicht mehr konform geht. Aber auch hier gilt eben das Gesetz der Pfadabhängigkeit und Veränderungen sind bei solchen Gewohnheitspraktiken so einfach, wie einen Supertanker mal eben schnell umzudrehen. Ein sachliches Argument dafür, dass es ethisch schon ok ist, ist das jedenfalls nicht.

Vollbreit hat geschrieben:Wenn man einer Religionsgemeinschaft zugesteht ein Interesse an ihrer Selbsterhaltung haben zu dürfen, muss man ihr auch die Freiheit lassen die Praktiken selbst zu bestimmen.
Der Pluralismus ist ja wesentlich weniger wertfrei und ohne Inhalt als getan wird.

Ich wiederhole das gerne nochmal: Gemeinschaften haben in meinen Augen keinerlei Schutzanspruch! Nur Individuen! Natürlich muss die Möglichkeit gegeben sein, sich zu Gruppen zu vereinigen und soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten, aber es geht immer um das empowering von Individuen, nicht um das von Gemeinschaften. Es hat ja auch seine Gründe, dass wir die Vergewaltigung in der Ehe und ähnliche patriarchalische Muster abgeschafft und z.T. unter Strafe gestellt haben, weil es dem Individuum (hier: der Frau) immer möglich sein muss, zu gehen - oder auch gar nicht erst zu kommen. Freiwilligkeit und freies Bekenntnis zur Gemeinschaft müssen an erster Stelle stehen.

Vollbreit hat geschrieben:Ich kann die Menschenwürde da wirklich nicht verletzt sehen.

Es wäre natürlich erstmal notwendig, den Menschenwürdebegriff sehr detailliert auszudeuten, aber ich halte es jetzt trotzdem mal kurz: Die eklatanteste Menschenwürde- und Menschenrechtsverletzung ist der Bruch des Willens. Deshalb ist auch die Folter und menschenrechtlichen Aspekten weitaus gravierender als z.B. der finale Rettungsschuss, weil beim ersteren die Integrität der Persönlichkeit angegriffen und möglicherweise zerstört wird. Die Verletzung der körperlichen Unversehrtheit mag, genau wie die Willensbeugung, in gut und sauber (!) begründeten Fällen hinnehmbar, vielleicht gar geboten sein, aber das Brechen des Willens ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann.

Die Achtung der gegenseitigen Würde ist für menschliche Interaktion zentral, weil nur so Verbindlichkeit entstehen kann. Es gibt für Menschen untereinander wie auch für den Staat daher die Pflicht der Achtung der Würde anderer, also die Achtung des Anderen als Person mit eigenem Willen und unverletzlichen Grenzen. Ein Zusammenleben von Freien und Gleichen ist anders schlichtweg unmöglich (da steckt viel Habermas'sche Diskursethik drin. Bei Habermas gibt es ja eine Menge apriorische Zusatzbedingungen zum Diskurs, nämlich die, die die Intersubjektivität überhaupt erst ermöglichen. Die gegenseitige Achtung ist eine dieser unverhandelbaren Bedingungen. Leider finde ich nichts, wo Habermas sich mal zur Beschneidung geäußert hätte). Diese Achtungspflicht ist für den Staat zusätzlich eine Schutzpflicht und prinzipiell unhintergehbar.

Interessant ist auch, was Habermas in Bezug auf das vorgeburtliche Leben sagt. Dem gesteht er nämlich keinen Schutz individueller Würde zu, wohl aber spricht er von Schutzberechtigung im Sinne einer "Unverfügbarkeit menschlichen Lebens" (müsste den Artikel rauskramen...). Übersetzt heißt das, dass wir an Menschen, auch an kleinen und sogar nicht einmal ungeborenen, nicht herumfuhrwerken dürfen, wie wir lustig sind, weder im Sinne gentechnischen Designens noch im Sinne selbstverständlicher Abtreibung.

Nun sind Beschnittene weder Folteropfer (und wehe das legt mir einer in den Mund), noch Embryonen. Aber es stecken zwei wichtige Punkte in diesen verwandten Themen, die meines Erachtens auf die Beschneidung übertragbar sind: Das Problem der Missachtung des Willens und den der künstlichen Veränderung des Körpers nach den Wünschen der Eltern.
Die Missachtung des Willens ist meiner Meinung nach das schwerwiegendste Problem und hier wird die Würde auch verletzt. Es wird natürlich kein Wille "gebrochen", geht ja in dem Alter noch gar nicht wirklich, deshalb ist Beschneidung auch nicht Folter, aber der Wille des Kindes, der ja ausschlaggebend sein sollte und auf den man zur Not eben warten muss, wird eben durch die fremdbestimmte Vorwegnahme der Entscheidung missachtet und das ist im Mindesten grob nachlässig. Schwerwiegend ist das insofern, als dass der Eingriff irreversibel ist, das Kind also zu dem Zeitpunkt, an dem es selbst entscheiden könnte, keine Möglichkeit mehr dazu hat. Anders gesagt, der Wille des Kindes, wie sein Penis beschaffen sein soll, hat keinen interessiert. Stell dir vor, deine Eltern würden morgen bei dir ankommen und dir erklären, dass deine Vorhaut leider weg muss - du würdest dich ganz schön missachtet fühlen. Komischerweise scheinen viele davon auszugehen, dass einem kleinen Kind dieser Achtungsanspruch nicht so recht zukommt - und das finde ich nochmal eine zusätzliche Schrecklichkeit obendrauf.
Der andere Punkt mit der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens dient mehr der Illustration, warum es ein Problem ist, wenn die Eltern nach Lust und Laune den Körper des Kindes verändern (und, sorry, wir reden hier echt nicht vom Zähne gerade rücken). Angenommen, es gäbe die Möglichkeit, einen Fötus gentechnisch so zu verändern, dass er bereits ohne Vorhaut auf die Welt kommt, dann wäre der Aufschrei über das beschnitten auf die Welt kommende Designerbaby sicherlich groß - zu Recht! Das Abschneiden der Vorhaut kurz nach der Geburt ist aber in Motivation und Ergebnis vergleichbar: das Kind wird den Bedürfnissen der Eltern angepasst. Das widerspricht meines Erachtens der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens, auch wenn Habermas den Begriff sicherlich für eine etwas andere Funktion etabliert hat (und ich sowieso nicht weiß, inwiefern er mir zustimmen würde).


Vollbreit hat geschrieben:Die unausgesetze Botschaft, dass das was die ollen Kameltreiber machen, von A bis Z falsch ist, dass es keine Positivliste gibt, bei denen sie sich endlich angenommen und angekommen fühlen dürfen, dass sie als potentielle Terroristen angesehen werden, als rückständige Barbaren, die eben den aufrechten Gang erlernt haben, das finde ich, ist zuweilen im Hinblick auf die Menschenwürde grenzwertig.

Ja, das ist es auch. Aber genau darum geht es hier nicht, und es ist nicht meine Schuld, dass manche da nicht in der Lage sind, den Unterschied zu erkennen und anzuerkennen. Ich verteidige ja im selben Atemzug mit genau derselben Selbstbestimmungsbegründung auch das Recht der Muslimin auf ihr Kopftuch, von Nahostfeindlichkeit ist da keine Spur. Die Christen haben es übrigens schon vor annähernd zwei Jahrtausenden geschafft, sich der Beschneidung zu entledigen, ganz ohne modernen Rechtsstaat - es geht also, sogar unter religiösen Vorzeichen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Lumen » So 22. Jul 2012, 18:50

Das Problem ist, dass religiöse Menschen eine Religionsfreiheit, wie sie Nanna umrissen hat, oft nicht befürworten. Es war aus einem Artikel (ich glaube FR) herauszulesen, und deckt sich mit Gesprächen, die ich mit religiösen geführt hatte. Schon "neutraler" Schulunterricht sehen sie nicht als neutral an, sondern als atheistisch/sekulär, was ihrer Meinung die Kinder bereits beeinflusst, auf dieser Bahn zu bleiben. Es ist durchaus sinnvoll, im Sinne der Religiosität, sich das so zurechtzulegen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 22. Jul 2012, 19:51

Ja, das stimmt leider. Ich habe dieses Semester an einem Forschungsseminar zum liberalen Denken in der arabischen Welt und der Türkei teilgenommen und selbst bei den liberalsten arabischen und türkischen Denkern findet man nur in Ausnahmefällen und auch nur bei denen, die sowieso in der europäischen oder US-amerikanischen Diaspora leben, individualistische anstatt kommunitaristischer Ansätze. Je religiöser das Umfeld, desto gruppenbezogener scheint das Denken zu sein, und desto schneller werden natürlich auch Demarkationslinien aufgezogen, die dann mit kulturrelativistischen Argumenten à la "das ist eben unsere Kultur / Tradition / Lebensweise, die wir uns nicht wegnehmen lassen" verteidigt werden, auch wenn der Inhalt trostlos ist.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon stine » So 22. Jul 2012, 20:05

Nanna hat geschrieben:...und ein Körperteil abgeschnitten bekommen


:winkgrin: naja, sooo schlimm ist es nun wieder nicht, das Körperteil bleibt ja dran.

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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 22. Jul 2012, 20:58

stine hat geschrieben:Ich denke, das hat damit zu tun, dass es bisher keine Komplikationen gab, die vor dem Gericht der Klärung bedurften.


Da liegst Du leider daneben, es sind sogar schon Todesfälle beschrieben worden: https://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision#M.C3.B6gliche_Komplikationen_durch_die_Beschneidung
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon stine » So 22. Jul 2012, 21:01

Was du alles für Links hast!
Ich denke sooo genau wollt ich da jetzt auch nicht draufschauen.
Aber interessant aus medizinischer Sicht. :wink:

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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 22. Jul 2012, 21:02

Ich stimme Dir im Prinzip zu. Interessant fand ich folgenden Aspekt:

Nanna hat geschrieben:Angenommen, es gäbe die Möglichkeit, einen Fötus gentechnisch so zu verändern, dass er bereits ohne Vorhaut auf die Welt kommt, dann wäre der Aufschrei über das beschnitten auf die Welt kommende Designerbaby sicherlich groß - zu Recht!


Ich persönlich hätte gegen die gentechnische Veränderung weniger einzuwenden, da hier kein Wille missachtet werden kann (höchstens ein potentieller Wille, eine schräge Begriffskonstruktion) und keine Schmerzen damit verbunden sind. Aber Gentechnik ist natürlich im Moment ziemlich Igitt-IBäh, das geb ich zu.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 22. Jul 2012, 21:03

stine hat geschrieben: Aber interessant aus medizinischer Sicht. :wink:


Du hast dich zu einem medizinischen Thema geäußert :mg:
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 22. Jul 2012, 21:27

Zappa hat geschrieben:Ich persönlich hätte gegen die gentechnische Veränderung weniger einzuwenden, da hier kein Wille missachtet werden kann (höchstens ein potentieller Wille, eine schräge Begriffskonstruktion) und keine Schmerzen damit verbunden sind. Aber Gentechnik ist natürlich im Moment ziemlich Igitt-IBäh, das geb ich zu.

Neinneinnein, das hat nichts mit irrationalen Gentechnikvorbehalten zu tun. Es geht um die Gefahr, die im gezielten Design von Menschen liegt. Dann lieber die Beschneidung.

Bei Designerbabies gibt es eine große Gefahr für die Diskursgemeinschaft, nämlich die, dass sich ein Paternalismus zwischen Designer und Designtem entwickelt, zwischen Techniker und Objekt, wenn du so willst. Habermas würde sagen, dass der Eingriff ins Genom eine harte, sprachlich nicht aufzulösende Tatsache ist, die ergo im Diskurs nicht beigelegt werden kann. Der designte Mensch ist, selbst wenn er frei handeln kann, möglicherweise in seinem Freiheitsbewusstsein eingeschränkt, etwa weil Erwartungshaltungen mit dem gentechnischen feature verbunden sind (z.B. eine höhere Religiosität, wenn er beschnitten zur Welt käme, auch wenn gerade das jetzt ja ein hanebüchenes Beispiel ist).

Ich sehe die Beschneidung da wirklich als deutlich harmlosere Alternative, aber auch da eben eine Grenzüberschreitung und eine Würdeverletzung, vielleicht keine extreme, aber durch die Missachtung der Selbstbestimmung eine vorhandene. Das Designen wäre viel schlimmer, weil dadurch in die physische Existenz eine Abhängigkeit vom Designer eingeschrieben würde. Ich sehe zwar ein ähnliches Problem bei der Beschneidung von kleinen Kindern, weil da auch eine religiös motivierte Erwartung physisch festgehalten wird (wie ein Brandzeichen), aber der nachträgliche Eingriff erlaubt zumindest die sprachliche Auflösung dahingehend, dass man so nicht auf die Welt gekommen ist, dass man vorher anders war.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon stine » So 22. Jul 2012, 21:41

Also ehrlich Leute, je genauer ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass es eine unerträgliche Zumutung für die männlichen Kinder dieser Religionsgruppern ist, derart behandelt zu werden. Es ist schlicht und ergreifend eine Sauerei, was hier offiziell betrieben wird. Es ist, genau betrachtet, ein religiös motivierter Missbrauch an kleinen Kindern.
Da hilft es auch nicht, wenn man dagegen anführt, es wäre traditionll oder aus hygienischen Gründen erforderlich. Einzig die Phimose muss medizinisch behandelt werden, aber hierbei wird die Vorhaut auch nicht ganz entfernt, sondern nur das verengte Stück gekappt und das Ganze passiert unter Vollnarkose.
Ich hab übrigens die Petition unterzeichnet.

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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 22. Jul 2012, 21:54

Nanna hat geschrieben:Neinneinnein, das hat nichts mit irrationalen Gentechnikvorbehalten zu tun. Es geht um die Gefahr, die im gezielten Design von Menschen liegt. Dann lieber die Beschneidung.


Dein Gedankenmodell war aber doch eine gezielte gentechnische "Beschneidung", oder etwa nicht? Wenn dies möglich wäre, wäre dieser Eingriff - den ich trotzdem nicht befürworten würde - geringer als die eigentliche Beschneidung.

Der Rest deines Argumentes ist ein "Argument der schiefen Ebene". Wenn man einmal damit anfängt die gentechnische Beschneidung oder Auswahl der Augenfarbe zu erlauben, wo soll das Ganze enden?

Ich halte das Argument für irrational, sorry. Man kann, darf und soll für jeden gentechnischen Eingriff das Für und Wider diskutieren und dann entscheiden ob es gemacht werden darf. Da die technischen Möglichkeiten sowieso entwickelt werden, ist es nicht zielführend hier Denkverbote aufzubauen.

Nanna hat geschrieben:Bei Designerbabies gibt es eine große Gefahr für die Diskursgemeinschaft, nämlich die, dass sich ein Paternalismus zwischen Designer und Designtem entwickelt, zwischen Techniker und Objekt, wenn du so willst.


Die Gefahr ist da, ob sie so groß ist, sollte man im Einzelfall entscheiden.


Nanna hat geschrieben:Habermas würde sagen, dass der Eingriff ins Genom eine harte, sprachlich nicht aufzulösende Tatsache ist, die ergo im Diskurs nicht beigelegt werden kann.


Und ich würde sagen, dass die Diskursethik ihre Mängel hat :mg:

Im Ernst: Du wirst nicht ernsthaft einfordern wollen, dass alles was "sprachlich nicht aufzulösen" ist deswegen nicht zu rechtfertigen ist, oder? Ich würde Dir ja insofern entgegen kommen, dass ich mit den möglichen, zukünftigen Interessen des ungeborenen Kindes ins Gespräch kommen muss. Wie würde so ein Gespräch aussehen?

Wenn ich Jude wäre, könnte ich meinem noch zu zeugendem Sohn sagen: Hey, zukünftiger Sohn! Aufgrund meiner religiösen Voreingenommenheit, möchte ich dich ab dem 8 Tag nach der Geburt nur noch ohne Vorhaut auf der Welt rumkrabbeln sehen. Wir haben zwei Möglichkeiten:

1. Ich designe - ACHTUNG UNWORT! - dich schmerzfrei so, wie es mir gefällt.
2. Wir lassen den Dingen Ihren Lauf und Dir wird bei weitgehend vollem Bewusstsein am 8 Tag nach der Geburt auf schmerzhafte Art, die Vorhaut entfernt.

Wie fällt deine Wahl aus?

Wie würde deine ausfallen?

Nanna hat geschrieben:Ich sehe die Beschneidung da wirklich als deutlich harmlosere Alternative, aber auch da eben eine Grenzüberschreitung und eine Würdeverletzung, vielleicht keine extreme, aber durch die Missachtung der Selbstbestimmung eine vorhandene. Das Designen wäre viel schlimmer, weil dadurch in die physische Existenz eine Abhängigkeit vom Designer eingeschrieben würde.


Ich glaube dass siehst Du zu eng. Die Menschen entwickeln so oder so Ihre eigene Individualität, die genetische Basis ist ja nur die theoretische Basis und gefühlt kein Teil der "Person". Deine Individualität wird ja praktisch zu 100% aus Gedächtnisinhalten determiniert und nicht dadurch, dass Du weisst irgendjemand hätte vorgeburtlich ein paar Basen deines Genoss ausgetauscht. Es wäre aber in der Tat mal interessant danach zu schauen, ob "Retortenbabys" o.ä. mehr psychische Probleme haben!
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 22. Jul 2012, 22:57

Zappa hat geschrieben:Der Rest deines Argumentes ist ein "Argument der schiefen Ebene". Wenn man einmal damit anfängt die gentechnische Beschneidung oder Auswahl der Augenfarbe zu erlauben, wo soll das Ganze enden?

Ich halte das Argument für irrational, sorry. Man kann, darf und soll für jeden gentechnischen Eingriff das Für und Wider diskutieren und dann entscheiden ob es gemacht werden darf. Da die technischen Möglichkeiten sowieso entwickelt werden, ist es nicht zielführend hier Denkverbote aufzubauen.

Hörst du da denn nicht den naturalistischen Fehlschluss trapsen? Nicht alles, was machbar ist, sollte gemacht werden. "Irgendeiner macht es ja eh" ist fernab einer Argumentation, das ist Denkverweigerung, und die ist schlimmer als ein Denkverbot. Natürlich müssen wir uns entscheiden, ob wir Technik verwenden, die es gibt, oder nicht. Atomwaffen könnte man doch auch über Massenherstellung preisgünstig bauen und dann in die dritte Welt verscherbeln... hey, lass uns da mal keine Denkverbote aufbauen.

Zappa hat geschrieben:
Nanna hat geschrieben:Bei Designerbabies gibt es eine große Gefahr für die Diskursgemeinschaft, nämlich die, dass sich ein Paternalismus zwischen Designer und Designtem entwickelt, zwischen Techniker und Objekt, wenn du so willst.


Die Gefahr ist da, ob sie so groß ist, sollte man im Einzelfall entscheiden.

Nein, Einzelfallentscheidungen sind potentielle Willkürentscheidungen.

Habermas unterscheidet übrigens zwischen negativer und positiver Eugenik: Negative Eugenik, also z.B. PID zur Vermeidung schwerer Erbrankheiten, ist durchaus unproblematisch, aber die positive Eugenik, die zum Ziel hat, Kinder mit Wunscheigenschaften entstehen zu lassen, ist brandgefährlich. Und ich schließe mich ihm da voll an.

Zappa hat geschrieben:Du wirst nicht ernsthaft einfordern wollen, dass alles was "sprachlich nicht aufzulösen" ist deswegen nicht zu rechtfertigen ist, oder?

Wenn dadurch ein Konflikt entsteht, der durch Diskurs nicht beizulegen ist, dann ja, fordere ich das ein. Wir können nicht Wesen schaffen, die von einem freien Diskurs strukturell ausgeschlossen sind, dadurch schaffen wir eine Zweiklassengesellschaft, die durch keine politische, kulturelle oder gesellschaftliche Maßnahme auch nur theoretisch versöhnt werden kann. Und wir haben auch so schon genug schwer zu lösende gesellschaftliche Probleme, nicht nötig, sich noch ein paar philosophisch ganz heftige Brocken reinzuholen.

Zappa hat geschrieben:Wenn ich Jude wäre, könnte ich meinem noch zu zeugendem Sohn sagen: Hey, zukünftiger Sohn! Aufgrund meiner religiösen Voreingenommenheit, möchte ich dich ab dem 8 Tag nach der Geburt nur noch ohne Vorhaut auf der Welt rumkrabbeln sehen. Wir haben zwei Möglichkeiten:

1. Ich designe - ACHTUNG UNWORT! - dich schmerzfrei so, wie es mir gefällt.
2. Wir lassen den Dingen Ihren Lauf und Dir wird bei weitgehend vollem Bewusstsein am 8 Tag nach der Geburt auf schmerzhafte Art, die Vorhaut entfernt.

Wie fällt deine Wahl aus?

Wie würde deine ausfallen?

Die Wahl zwischen Pest und Cholera ist keine Wahl. Insofern tue ich das einzig Rationale: Ich verweigere mich der Wahl. Du hättest als Vater schlicht kein Recht, das zu wollen (bzw. präziser, dem Willen nachzugeben).

Zappa hat geschrieben:
Nanna hat geschrieben:Ich sehe die Beschneidung da wirklich als deutlich harmlosere Alternative, aber auch da eben eine Grenzüberschreitung und eine Würdeverletzung, vielleicht keine extreme, aber durch die Missachtung der Selbstbestimmung eine vorhandene. Das Designen wäre viel schlimmer, weil dadurch in die physische Existenz eine Abhängigkeit vom Designer eingeschrieben würde.


Ich glaube dass siehst Du zu eng. Die Menschen entwickeln so oder so Ihre eigene Individualität, die genetische Basis ist ja nur die theoretische Basis und gefühlt kein Teil der "Person". Deine Individualität wird ja praktisch zu 100% aus Gedächtnisinhalten determiniert und nicht dadurch, dass Du weisst irgendjemand hätte vorgeburtlich ein paar Basen deines Genoss ausgetauscht. Es wäre aber in der Tat mal interessant danach zu schauen, ob "Retortenbabys" o.ä. mehr psychische Probleme haben!

Oder du siehst das zu unkritisch und bist zu sehr von der technischen Machbarkeit fasziniert.

Ich bleibe mal bei Habermas, weil der darüber schon ne Ecke länger nachgedacht hat als ich. ;-) Habermas nimmt eine etwas eigenwillige Unterscheidung von "Moral" und "Ethik" vor, der man nicht folgen muss, die man aber kennen muss, wenn man verstehen will, wo der Hase im Pfeffer liegt:
Ethik sind bei Habermas die Fragen des guten Lebens, also pluralistische Lebensentwürfe, die konkurrieren und inkompatibel sein können (Identitäten, Gruppen, Weltanschauungen), und die partikularistisch und identitätsstiftend sind. Außerdem werden sie narrativ und nicht diskursiv vermittelt.
Moral sind bei Habermas die Fragen der gerechten Rechtsordnung, wo es um die Findung und Etablierung gerechter Normen geht, welche universalistisch und diskursiv kommunikabel sind.
Die Moral hängt ihrerseits an sog. "gattungsethischen Prämissen", also z.B. der, dass wir alle mehr oder weniger durch Zufall entstehen und von niemandem (außer, für die Religiösen, von Gott, aber das hat auch etwas so Unmittelbares, dass es hier nicht ins Gewicht fällt) vorbestimmt werden. Daran hängt ein wichtiges Moment menschlicher Gleichberechtigung. Art. 1 der Universal Declaration of Human Rights reflektiert das ganz schön: "All human beings are born free and equal in dignity and rights." Das "free and equal" wird aber problematisch, wenn eben nicht mehr alle unter den gleichen chaotischen Bedingungen geboren werden, sondern manche einen Optimierungsprozess durchlaufen haben. Ich kann ehrlich gesagt gar nicht glauben, dass dir da nicht auch das "Alle sind gleich. Aber manche sind gleicher." durch den Kopf schallt.

Das Problem besteht darin, dass die Modifizierung der gattungsethischen Prämissen, die ja der Einbettungskontext für die Moral im Habermas'schen Sinne sind, Auswirkungen auf die Möglichkeit des Diskurses hat. Das Element des Universalismus ist gefährdet. Zwischen einem optimierten Übermenschen und einem konventionellen Menschen herrscht eine Klassenungleichheit, die von anderer Qualität ist, als die zwischen Arbeitern und Bürgern, Reichen und Armen oder Schwarzen, Weißen und Asiaten. Wenn jemand zufällig bzw. eben wegen seiner Eltern mit schwarzer oder weißer Hautfarbe geboren wird, ist das erstmal kein Problem für die Gleichheit (= Augenhöhe) der Menschen. Kants Forderung nach der Befreiung von der eigenen Unmündigkeit, die in der Diskursethik ja auch mitschwingt, impliziert natürlich eine möglichst große Willensautonomie. Wie aber soll jemand willensautonom sein, wenn ihm bei jedem Blick in den Spiegel die Erwartungen der Eltern entgegenspringen? Es ist ja nicht so, dass mit der Geburt einer durch gentechnische Optimierung potentiell sehr intelligenten, attraktiven Tochter nicht auch gewisse Wünsche, Idealvorstellungen und Sehnsüchte der Eltern einhergehen würden. Und erzähl mir nicht, dass dieses Wissen kein identitätsbildender "Gedächtnisinhalt" wäre. Natürlich ist er das. Und er ist unhintergehbar und schafft eine Hierarchie, die eine echte Emanzipation von den Eltern im wahrsten Sinne des Wortes physisch unmöglich macht. Ich finde, das darf man ruhig sehr kritisch sehen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Mo 23. Jul 2012, 09:58

Ich bin der Meinung, dass der Widerspruch der drei Religionen in sich ein viel grösseres Hindernis dastellt, als eine Beschneidungsverbot von Minderjährigen:
Die Christen behaupten, Jesus ist Gottessohn, die Moslems und Juden lehnen diese Meinung ab. Also ist ene von dieser Auffassung eine grobe Gotteslästerung, und jener Gott meldet sich nicht zur Wort, obwohl er sehr massiv hiermit bedrängt wird. Somit ist das Beschneidungsverbot an Minderjährigen rechtens, sollte es nicht so sein -aus der Sicht der Religion, aus der Sicht dieses Gottes- dann soll sich bittschön jene Gottheit zu Wort melden oder seine Engel senden, um uns Erdentiere seine abweichende Meinung mitzuteilen. Also ein Gottesurteil kann das Kölner Urteil nur moralisch entkräftigen, alles andere ist Unfug!


-dies sollte man so sagen dürfen!-
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Mo 23. Jul 2012, 10:03

Nanna deine Argumentation finde ich gelungen und richtig.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » Mo 23. Jul 2012, 12:05

Zappa hat geschrieben:Ich persönlich hätte gegen die gentechnische Veränderung weniger einzuwenden, da hier kein Wille missachtet werden kann (höchstens ein potentieller Wille, eine schräge Begriffskonstruktion) und keine Schmerzen damit verbunden sind. Aber Gentechnik ist natürlich im Moment ziemlich Igitt-IBäh, das geb ich zu.

ich denke, das würden die Religiösen nicht machen, weil es ihnen wohl ums Wegschneiden geht. Schmerz, Selbstgeißelung ist ein zentraler Bestandteil jeder masuchistischen Religion (also so ziemlich jeder), da gehört der Schmerz einfach dazu.
Noch was zu Designerbabys: Die Argumente gegen eine Verbesserung sind ziemlcih hilflos und beschreiben einen dekadenten Gebrauch dieser Macht. Sie zu nutzen, um Erbkrankheiten auszuschalten, halte ich für sinnvoll, deswegen sollte man nicht auf generellen Verboten beharren.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » Mo 23. Jul 2012, 12:14

Darth Nefarius hat geschrieben:Noch was zu Designerbabys: Die Argumente gegen eine Verbesserung sind ziemlcih hilflos und beschreiben einen dekadenten Gebrauch dieser Macht. Sie zu nutzen, um Erbkrankheiten auszuschalten, halte ich für sinnvoll, deswegen sollte man nicht auf generellen Verboten beharren.

Wernn du meinen Beitrag nochmal aufmerksam liest, wirst du merken, dass genau das da auch drin steckt. Das Aussondern von potentiell schwer kranken Embryonen ist ok, nicht das Optimieren nach Wunschvorstellungen. Das führt aber vom Thema weg, mir ging es ja nur darum zu demonstrieren, dass der Köper eines Kindes nicht einfach beliebig von den Eltern manipuliert werden darf, sondern dass es da sehr enge Grenzen gibt, die zu achten sind.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » Mo 23. Jul 2012, 12:24

Nanna hat geschrieben:
Darth Nefarius hat geschrieben:[...] Sie zu nutzen, um Erbkrankheiten auszuschalten, halte ich für sinnvoll, deswegen sollte man nicht auf generellen Verboten beharren.

Wernn du meinen Beitrag nochmal aufmerksam liest, wirst du merken, dass genau das da auch drin steckt. Das Aussondern von potentiell schwer kranken Embryonen ist ok, nicht das Optimieren nach Wunschvorstellungen.

Und wenn du meinen Beitrag genauer ließt, wirst du feststellen, dass ich gerade NICHT fürs Aussondern bin, sondern für Heilung. Ich habe nochmal die unterschiedlichen Stellen unterstrichen.
Um eine Erbkrankheit loszuwerden ist der Tod des Embryos nicht notwendig. Es könnte irgendwann sicherlich mit außreichender Erfolgsquote Fremd-DNA dauerhaft, wirksam und nicht lethal eingschleust werden. Momentan ist man da nichtmal im zweistelligen Prozentbreich, aber es ist ein Anfang und es gibt schon Erfolge der Gentherapie.
RNA-Interferenz ist auf jedenfall zu komplikationsanfällig und unzuverlässig.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Lumen » Mo 23. Jul 2012, 15:49

Nefarius, wie so oft widerholst du etwas bereits Festgestelltes (kein Problem) stellst deinen Beitrag aber als zum Teil starken Widerspruch dar (Problem), was dazu führt, dass hier z.B. Nanna nochmal klarstellt. Da fühlst du dich dann wiederum genötigt, selbst nochmal nachzulegen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » Mo 23. Jul 2012, 16:37

Und was soll bitte der Widerspruch sein, den ich mir leiste? Wenn du wieder Fachbegriffe nicht verstanden hast, erkläre ich sie dir gerne, aber nerv mich nicht mit solch altklugen Bemerkungen, die völlig falsch sind. Ich fasse nochmal zusammen: Gentherapie-ja, Aussondern von potentiell kranken Embryos (wie Nanna es duldet)-nein. Gerade das, was Nanna ablehnt (die Optimierung nach Wunsch) beführworte ich, weil ich sie für die bessere Alternative gegenüber dem Aussondern halte. Wo zur Hölle ist da der Widerspruch???? Ja, ich widerspreche Nanna, aber nicht mir.
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