Nanna hat geschrieben:Mir ist das persönlich relativ egal, was für Lieder die Religiösen in ihrer Freizeit singen. Auch beschneiden können sie sich gern, so viel sie wollen. Sie sollen aber den Leuten die Freiheit lassen, sich zu einer Religion zu bekennen, anstatt zu einer bekannt zu werden.
Seit wann
muss man denn religiös sein?
Nanna hat geschrieben:Vollbreit hat geschrieben:Es ist so, dass eine Gemeinschaft dann umso besser zusammenhält, je mehr Opfer sie von den Mitgliedern verlangt.
Erstmal finde ich es befremdlich, wie selbstverständlich du Zusammenhalt als Wert an sich gutheißt. Wenn in einem fränkischen Dort jahrzehntelang der Vater die Tochter vergewaltigt, wie ja bekanntlich geschehen, ist der Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft beispielsweise gar keine gute Sache. Man sollte also den Kontext beachten. Dass Opfer den Zusammenhalt fördern, mag sein, ist deshalb aber noch lange nicht gut (das wäre ja ein glatter naturalistischer Fehlschluss).
Im Kontext einer Religionsgemeinschaft ist der Erhalt dieser Gemeinschaft selbstverständlich auch gut. Systeme haben die Tendenz sich zu erhalten.

Nanna hat geschrieben:Vor allem aber sollte niemand mit derartiger Selbstverständlichkeit in eine Religionsgemeinschaft hineingeboren werden. Entscheidend muss das eigene, freie Bekenntnis sein, und das ist bei einem Säugling oder Kind eben nicht gegeben.
Nein, das sehe ich vollkommen anders.
Wie sollen denn Kinder ganz praktisch anders erzogen werden, als ihre Eltern es wollen?
Sie werden doch von diesen Eltern erzogen. Sie sollten auf Wunsch da wieder raus kommen können, aber Kinder werden immer ins Weltbild der Eltern geboren, ob diese Moslems, Kommunisten, Umweltschützer oder zwanghaft ordnungsliebend sind.
Nanna hat geschrieben:Umso seltsamer, dass du dagegen bist, dass die Gesellschaft ein wachsames Auge auf die Kindererziehung hat. Übrigens finde ich den Vergleich zwischen einen Schulabschluss erwerben (gegen den das Kind sich durchaus auch wehren kann) und ein Körperteil abgeschnitten bekommen auch ziemlich daneben.
Ein Kind kann sich de facto gegen so gut wie nichts wehren, was die Eltern wollen. Wie denn?
Es ist abhängig, wie soll es da revoltieren? Also wäre es gut, den oft genug verunsicherten Eltern das Selbstvertrauen zu geben, dass, wenn sie ihr Kind ein wenig beachten und sich wirklich für
seine Bedürfnisse interessieren, schon ein hervorragendes Fundament errichtet ist. Gewiss würde mancher Junge sein Vorhaut dafür hergeben. Dieser idiotische Hang zur Perfektion, macht mehr kaputt als alles andere, neben völliger Verwahrlosung.
Nanna hat geschrieben:Wir sind dir nicht orthodox genug?
Nicht kinderfreundlich genug. Vieles, zu vieles, ist auf das Funktionieren der Wirtschaft abgestimmt, da bin ich vermutlich recht nahe bei stine. Bei uns gilt Kinderschreien als Lärm und es wird gegen Kindergärten in der Nähe geklagt. Neulich gab es einen Gerichtsprozess wegen zu vieler Windeln in der Mülltonne. Kindgerecht ist wenig bei uns, die Voraussetzungen um Kinder zu kriegen werden angehenden Eltern aufgrund erheblicher Unsicherheiten erschwert.
Nanna hat geschrieben:Vollbreit hat geschrieben:Es ist ein Vorschlag, doch die Kinder unversehrt und dann mit 18 selbst entscheiden zu lassen. Nur in diesem Punkt? Warum?
Nicht nur in diesem Punkt, in so vielen Punkten wie möglich und sinnvoll. Die Berufswahl überlässt man dem Kind ja auch selbst. Natürlich versucht man Einfluss auszuüben und ein Ingenieurssohn wird wahrscheinlicher selber Ingenieur als ein Bäckerssohn, aber dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, solange eine realistische Wahlmöglichkeit besteht. Es ist auch ok, dass die Eltern ihren Wunsch und ihre Hoffnung äußern, dass das Kind der eigenen Religion treu bleibt. Aber ihm als Säugling ein Brandzeichen zu verpassen ist hilflos und übergriffig.
Es ist doch eben kein Brandmahl. Man wird doch nicht schief angeguckt, niemand lacht, angeblich finden Frauen es schöner, kein Problem. Ansonsten ist die Einflussnahme der Eltern vermutlich recht massiv. Da finde ich eine Robusthaltung von 8 – 10 Kindern, die sich dann irgendwann gegenseitig erziehen fast gesünder, als die überbehüteten Söhne und Töchter, die von der Nachhilfe zur Tennisstunde kutschiert werden und sich nirgendwo mehr die Hosenbeine aufreißen dürgen. Überall Eltern als Bodyguards auf Schritt und Tritt, sogar der Plasberg hat letztens ne Sendung drüber gemacht (gut, war auch Sommerloch, zugegeben).
Nanna hat geschrieben:Äh... der "Staat" ist derzeit eigentlich auf der Linie, alles so zu belassen, wie es war, wie die ganzen Eilanträge zeigen. Es sind die angeblich so desinteressierten Bürger, die in leichter aber doch klarer Mehrheit für ein Beschneidungsverbot sind.
Ja, ist doch immer dasselbe. Am engagiertesten sind die, die es nicht betrifft. Fragt eigentlich irgendwer die Juden und Moslems? Da können hübsch die Ressentiments gepflegt werden, sicher nicht nur, aber Pro-NRW und andere sind eben auch in vorderster Front. Und auch die interessierten Bürger: Dass die Mehrheit der Deutschen gegen Beschneidungen ist, tja, vielleicht wäre sie auch gegen Kopftücher, Moscheen und Ramadam?
Nanna hat geschrieben:Und dass die Gläubigen verstört zurückbleiben könnten, ist ein echt ängstliches Argument (dass Kinder verstört zurückbleiben könnten, ist ja nicht so wichtig wie die verstörten Erwachsenen, die mit Mitte 40 mit sowas immer noch nicht umzugehen gelernt haben, die armen Hascherln).
Klar, kann man so sehen, ist die Frage, wo man hin will.
Jahrelang Leute mit Sozialhilfe anfixen, ohne jede Gegenleistung zu verlangen, oder sie mitunter aktiv zu verhindern und dann den gleichen Leuten vorzuwerfen, dass sie doof und faul sind, das hat schon was. Es ist wirklich erst ein paar Jahre her, fünf oder so, da wurde der so breite Konsens, wie wichtig Sprache doch ist (also Deutsch, wenn man in Deutschland leben will) noch als „Zwangsgermanisierung“ bezeichnet. Heute hat man das Gefühl, das würden wir schon seit den 1950ern so sehen.
Muss man jetzt halt besser machen, aber tun wir’s? Warum um alles in der Welt, sagen wir nicht klipp und klar, wo die Grenze ist und sorgen, ebenso klipp und klar, dafür, dass sie auch eingehalten wird? Keine Sau macht was, wenn türkisch Papa klein Mehmet ordentlich auf die Fresse haut, weil man da sofort kneift. Man könnte ja Nazi sein, oh weh, oh weh. Und dann macht man hier und da und dort ne Ausnahme – auch der Staat –, alle lachen sich kaputt, die Polen, Zyprioten und Kasachen in Deutschland schütteln mit dem Kopf, was wir uns bieten lassen, aber beim Dödel ziehen wir dann durch, nur um beim ersten Huster des jüdischen Zentralrates mal wieder aufgeregt umzukehren.
Libanesische Großfamilien, die mehr Vorstrafen haben, als die Mitdiskutanten hier Finger und Zehen, bekommen staatliche Unterstützung. Türkische Mädchen müssen Angst um ihr Leben haben, wegen „Ehrenmorden“ und wir zupfen an der Vorhaut rum.
Vielleicht sollte man mal klar machen, dass der Rechtsstaat ohne jede Diskussion an erster Stelle kommt und wer etwas andere möchte, herzlich ausgeladen ist und das Land besser jetzt als Morgen wieder verlassen kann. Bestens integrierten Ausländern, mit top Ausbildung, die nie Probleme gemacht haben droht die Abschiebung, aber kriminelle Serientäter bekommen staatliche Unterstützung. Schräger geht es kaum und da könnte man gewiss etwas ordnen. Z.B. eine höhere Gewichtung der Einzelfallprüfung, anstatt der Anwendung stereotyper Gesetze. Das würde an die Entscheider vielleicht höhere Ansprüche stellen, als nur gut funktionierende Schreibtischtäter zu sein.
Nanna hat geschrieben:Anpassungsprozesse sind nunmal schmerzhaft und wer noch jahrtausendealten Riten anhängt, kann sich mit wachsender Wahrscheinlichkeit um eine Reform irgendwann nicht mehr herumdrücken.
Hab ich kein Problem mit, wenn man klar sagt, was man will. Tun wir nicht. Unsere eintrainierte Moral ist, weggucken und den Mund halten, man könnte Nazi sein, nichts ist schlimmer. Nun, es hat gewirkt, heute tun das alle und man bejammert die fehlende Zivilcourage.
Nanna hat geschrieben:Irgendwo in einem der verlinkten Artikel stand beispielsweise, dass ein Drittel der israelischen Eltern auf die Beschneidung gern verzichtet hätten, wenn der soziale Druck aus dem Umfeld nicht so groß gewesen wäre.
Sieht mir aus wie ein hausgemachtes Problem der Isrealis. Fragen wir bei unseren Themen in Peru nach? Was sagt denn Südkorea zu unserer versuchsweisen Energiewende? Was meint der Kongo zur Griechenlandhilfe?
Nanna hat geschrieben:Ähnlichen Druck habe ich während meiner eigenen Zeit in Damaskus gesehen, wo eine Frau einfach schwer unverschleiert aus dem Haus gehen kann, weil die Nachbarn sich dann aufführen wie im Kindergarten und mit Eimerchen und Schäufelchen werfen. Es ist also möglicherweise so, dass das Verbot und die derzeitige gesellschaftliche Diskussion gar nicht so viele Gläubige ins Mark trifft, wie die religiösen Apologeten der Orthopraxis lautstark insinuieren und denjenigen, denen das wirklich so wehtut, tut der Denkanstoß vielleicht auch mal ganz gut.
Ja, wenn die Diskussion in die jüdischen und muslimischen Gemeinden getragen wird und dort zu einer Liberalisierung beiträgt, warum nicht? Ich glaube nur nicht dran. Aber ich kann mich irren.
Ich vermute, die Liberalen werden applaudieren, die anderen werden fundamentaler.
Wenn wir unsere Hausaufgaben nicht machen, wie wollen wir andere dazu ermuntern?
Die Moslems haben die Pflicht sich vom Terror in Wort und Tat zu distanzieren und wir müssen ihnen nachdrücklich klar machen, dass wir genau das von ihnen erwarten.
Wir haben die Pflicht zu sagen was bei uns gar nicht geht und entsprechend zu handeln und vielleicht noch dringende Wunschlisten aufstellen, ansonsten ist es ebenfalls unsere Pflicht den Kollegen aus der Türkei und anderswo mal wirklich zu sagen, was sie tun können und müssen um hier mit offenen Armen empfangen zu werden und wenn man dann feststellt, dass es einige gibt, die meinen, dass man dafür die Hautfarbe anpassen muss, sollte man dort noch mal verstärkt ausmisten. Zu tun gibt es überall genug.
Nanna hat geschrieben:Gegen die Beschneidung an männlichen Kindern wurde hier im Forum schon öfter mal etwas eingewendet, aber gesamtgesellschaftlich hat eben der zündende Funke gefehlt, der das Thema mal auf die Tagesordnung geholt hat. Es sind verdammt viele Sachen klar, z.B. dass unser Umgang mit Tieren fast durchgängig extrem unethisch ist, dass ein Tempolimit die Umwelt schonen und Zahl und Schwere der Verkehrsunfälle verringern würde und dass die Institution der Ehe in ihrer rechtlichen Ausgestaltung mit den realen Verhältnissen nicht mehr konform geht. Aber auch hier gilt eben das Gesetz der Pfadabhängigkeit und Veränderungen sind bei solchen Gewohnheitspraktiken so einfach, wie einen Supertanker mal eben schnell umzudrehen. Ein sachliches Argument dafür, dass es ethisch schon ok ist, ist das jedenfalls nicht.
Gut, wenn das ein Zündfunke war, für weitere Themen und ein Baustein im Gesamtsystem, ich will mich da nicht quer stellen, liegt ja eh nicht an mir. Wie gesagt ich wäre nicht gegen eine Änderung, ich verstehe nur die Aufgeregtheit nicht, nehme aber wahr, dass es sie gibt.
Nanna hat geschrieben:Ich wiederhole das gerne nochmal: Gemeinschaften haben in meinen Augen keinerlei Schutzanspruch! Nur Individuen! Natürlich muss die Möglichkeit gegeben sein, sich zu Gruppen zu vereinigen und soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten, aber es geht immer um das empowering von Individuen, nicht um das von Gemeinschaften.
Individuen identifizieren sich aber nun mal, während weiter Strecken des Weges, mit Gemeinschaften. Ihnen zu sagen, dass sie das nicht sollten, halte ich für falsch. Ein gesellschaftliches Großexperiment das zu ändern lag in Teilen der 68er Bewegung, die neben vielen Verbesserungen auch in vielen Bereichen, vor allem in dem angesprochenen, den Karren mit Karacho vor die Wand gefahren haben.