Zappa hat geschrieben:Ich wähle mal eine andere Frage, um dich von deinem Erregungsniveau herunter zu holen: Was ist daran falsch 9 Monate vor der Empfängnis die Vorhaut mittels gentechnischem Eingriff gar nicht erst entstehen zu lassen, damit man die 8 Tage nach der Geburt nicht schmerzbehaftet wegschnippeln muss?
Es geht um die sog. "gattungsethischen Prämissen". Vollbreit hat es "stillschweigende Prämissen" des Menschseins genannt, die da aufgekündigt würden. Diese Prämissen zu achten ist unauflösbar mit Habermas' Menschenwürdebegriff verbunden. Ich habe ja im Studium schon mit der vollen Bandbreite von Menschenwürdedefinitionen zu tun gehabt, und die von Habermas (oder die recht ähnliche von meinem eigenen Prof.
Heiner Bielefeldt, die für meinen Geschmack etwas knackiger, aber im Kern sehr ähnlich ist) ist einfach die mit Abstand beste und leistungsfähigste. Alle anderen verfangen sich entweder in Widersprüchen, gelten nur eingeschränkt oder sind, etwa wegen transzendentaler Begründungen, nur für partikulare Gruppen annehmbar.
Habermas also, nicht weil er eine "Autorität" ist, sondern weil sein diskursethisches Konzept einfach überlegen ist. Bei Habermas sind die gattungsethischen Prämissen der sog. Einbettungskontext für die Menschenwürde. Menschenwürde ist bei ihm nicht, wie etwa bei Luhmann, etwas, was der Mensch leisten muss oder was ihm positivrechtlich zugestanden wird (z.B. Horst Dreier, wobei das etwas verkürzt gesagt ist) oder was ihm von Gott gegeben wurde (z.B. bei Ernst-Wolfgang Böckenförde, auch hier etwas simplifiziert gesagt), sondern was Grundvoraussetzung für gelingende Kommunikation ist (und wie Hannah Arendt sagte: "Gewalt beginnt da, wo das Reden aufhört"). Anders gesagt, wenn wir uns nicht gegenseitig mit Achtung entgegentreten, also mit einem Bewusstsein dafür, dass der Andere eine Person mit Grenzen und Autonomie ist, können wir nicht miteinander reden. Wir können dann zwar im weitesten Sinne kommunizieren, aber das läuft letztlich auf gegenseitiges Erpressen und Befehle erteilen hinaus, nicht auf einen Diskursprozess unter Gleichen. Eine Diskussion, wie wir sie gerade führen, wäre unter diesen Umständen nicht möglich (und wenn du ein sehr schüchterner Nutzer wärst, würde vielleicht schon der Adminrang unter meinem Nick dafür sorgen, dass der Diskurs asymmetrisch wird, obwohl der tatsächliche Machtunterschied bei Lichte betrachtet minimal ist).
Es geht also nicht darum, dass es besonders gemein ist, wenn man jemanden durch positive Eugenik gentechnisch gestaltet, sondern dass dadurch die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Gleichen (die "herrschaftsfreie Kommunikation") als solche korrumpiert wird. Das Kind kann sich von dieser in seinen Körper eingeschriebenen Eigenschaft ja nie wirklich frei machen. Sicher, das ist auch bei starker frühkindlicher Prägung ähnlich und Habermas hätte auch gegenüber weltanschaulicher Indoktrination von Kindern sicher seine Einwände, aber das relativiert ja a) nicht das Problem der positiven Eugenik und ist b) auch von anderer Qualität, weil Eltern und Kind beide eine DNA haben, die Habermas "unverfügbar" nennen würde. Die "Unverfügbarkeit menschlichen Lebens", also die Unmöglichkeit, in bestimmte Bereiche menschlichen Lebens, etwa die DNA, einzugreifen, ist auch so eine gattungsethische Prämisse. Und diese Prämissen müssen eben aufrechterhalten werden, wenn Kommunikation möglich sein soll. Andernfalls ist es immer eine Kommunikation zwischen Ungleichen, also in letzter Konsequenz zwischen Mächtigem und Untergebenen. Vielleicht etwas anschaulicher: Stell dir vor, du hättest wegen einer DNA-Modifikation deiner Eltern seit deiner Geburt ein Brights-Logo auf deinem Penis prangen. Könntest du je sicher sein, dass du freiwillig hier bist? Würden dir nicht immer die Wünsche und Erwartungen deiner Eltern, die sich von ihrer Kreatur (nicht mehr ihrem Kind!) bestimmtes erwarten, im Nacken sitzen?
Und übrigens, ich bin nicht irrational erregt, aber ich bin bei diesem Thema schon mit Leidenschaft dabei. Und klar besorgt es mich, wenn ich das Gefühl bekomme, dass da jemand mehr über die Mittel als über den Zweck nachdenkt. Ich werde halt den Eindruck nicht los, dass für dich die Eltern mit dem Kind tun können, was sie möchten, solange sie es schön lieb und schmerzlos tun. Da könnte man jetzt üble Vergleiche ziehen. Sind wir uns denn nicht einig, dass es prinzipielle, von technischen Machbarkeiten unabhängige und mehr an hermeneutischen Prinzipien (= verstehen,
was passiert, nicht
wie es passiert) orientierte Grenzen geben muss, die zwischen dem Erziehungsrecht der Eltern (das im Interesse des Kindes als autonomem Individuum bzw. als Person stehen muss, würde ich behaupten) und dem Gestaltungsrecht der Eltern nach persönlichem Geschmack unterscheidet? Ich bin ja einverstanden, dass Eltern ihre Kinder nach bestimmten religiösen Prinzipien erziehen dürfen oder es auf eine bestimmte Weise kleiden dürfen, aber am Körper des Kindes oder gar in seiner DNA herumpfuschen geht, hallo, aber sowas von viel zu weit.