Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » Di 24. Jul 2012, 19:40

Nanna hat geschrieben:Wenn das das ist, was du verstanden hast, ist nichtmal ansatzweise rübergekommen, wo das Problem ist. Es geht bei positiver Eugenik nicht um eine schiefe Ebene, die irgendwann mal zu Problemen führen könnte, sondern um eine unmittelbar relevante Ausübung von Herrschaft über ein anderes Individuum, welche in die physische Existenz des Individuums eingeschrieben wird ("Du bist so, weil ich das so wollte").


Ich wähle mal eine andere Frage, um dich von deinem Erregungsniveau herunter zu holen: Was ist daran falsch 9 Monate vor der Empfängnis die Vorhaut mittels gentechnischem Eingriff gar nicht erst entstehen zu lassen, damit man die 8 Tage nach der Geburt nicht schmerzbehaftet wegschnippeln muss?

Vorausgesetzt ist, dass die Methoden schon entwickelt sind und nicht erst entwickelt werden müssen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Di 24. Jul 2012, 20:03

mat-in hat geschrieben:
Vollbreit hat geschrieben:Ich bin da bei Hans Jonas:
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Prinzip_Verantwortung
Da ist mein Problem, daß ich sehr kreativ bin. Mir fällt mit Sicherheit ein halbes Dutzend Möglichkeiten ein mit einem Erbgut-Reperatur-Kit Menschen zu töten...


Du hast den link nicht gelesen, oder?
Ansonsten verstehe ich die Antwort nicht.

mat-in hat geschrieben:Ich denke wenn es um Grundrechte wie körperliche Unversehrtheit vs Religionsausübung Dritter (der Eltern) geht ist die Lage relativ klar. Da entscheiden wir ja auch in ganz anderen Fällen Rechte einzuschränken sobald sich Vorgänge negativ auf die allgemeinheit / unbeteiligte auswirken.


Warten wir ab, wie lange es dauert, bis die Entscheidung kassiert wird.

mat-in hat geschrieben:Das ist eben die Frage... die Ausnahmen scheint es ja in Israel Problemlos zu geben, in Deutschland sind sie wohl keine Option, wenn von Zentralratsseite ein Beschneidungsverbot mit einem Praktizierungsverbot der jüdischen Religion und dem Holocaust gleichgesetzt wird und die "Stimme des Humanismus die neue Stimme des Antisemetismus" ist... :irre:


Mich hat diese dünnhäutige Reaktion auch überrascht.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Myron » Di 24. Jul 2012, 20:08

Zappa hat geschrieben:Ich wähle mal eine andere Frage, um dich von deinem Erregungsniveau herunter zu holen: Was ist daran falsch 9 Monate vor der Empfängnis die Vorhaut mittels gentechnischem Eingriff gar nicht erst entstehen zu lassen, damit man die 8 Tage nach der Geburt nicht schmerzbehaftet wegschnippeln muss?


Warum löst der jüdische/islamische Gott das Problem nicht einfach dadurch, dass er die Söhne jüdischer/islamischer Eltern mithilfe eines kleinen Wunders vorhautlos auf die Welt kommen lässt?
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Di 24. Jul 2012, 20:22

Der Mensch mit seiner Gen-Fabrik wird dies in späterer Zukunft lösen und über unsere vergangenheitliche Aufregungen darüber schmuzeln: Die Christen bekommen ihr Baby mit Kreuz, die Moslems und die Juden ihre Säuglinge unbeschnitten, vielleicht schon gleich betend, anstatt schreiend.

Der Katalog der Zukunft wird auch im religiösen Bereich kaum einen Wunsch offen lassen!


-hoffen, dass dies Utopie bleibt!
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » Di 24. Jul 2012, 20:28

Myron hat geschrieben:
Zappa hat geschrieben:Warum löst der jüdische/islamische Gott das Problem nicht einfach dadurch, dass er die Söhne jüdischer/islamischer Eltern mithilfe eines kleinen Wunders vorhautlos auf die Welt kommen lässt?


Weil es ihn nicht gibt; das ist hier aber doch nicht die Frage menno :mg:
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Di 24. Jul 2012, 20:31

Myron hat geschrieben:Warum löst der jüdische/islamische Gott das Problem nicht einfach dadurch, dass er die Söhne jüdischer/islamischer Eltern mithilfe eines kleinen Wunders vorhautlos auf die Welt kommen lässt?


Ist das nicht einfach die Theodizee Frage: Sozusagen, verengt durch die Vorhaut?
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Di 24. Jul 2012, 21:15

Es leben die Experten:
Die FAZ hat geschrieben:Auch Friedrich Moll, dem Kurator des Museums und Archivs der Urologie, fallen Antworten auf medizinhistorische Fragen schwer. Er ist sich zwar recht sicher, dass kein Kind an einer Beschneidung gestorben ist. Es gebe allerdings „keine großen Übersichtswerke zu dem Thema“.
Auch die Studien der Ethnologen oder Kulturanthropologen, die sich des Themas Beschneidung annahmen, klärten kaum über dessen Geschichte auf. Sie seien stattdessen stets Ausdruck des Zeitgeists zur Zeit ihrer Entstehung, sagt Moll. Es habe immer Vorbehalte gegen die Beschneidung gegeben, sei es im Mittelalter während der Judenverfolgung oder - in der neueren Geschichte - durch die Anti-Masturbationsbewegung oder die Menschenrechtsbewegung. Selbst aktuelle Studien, die aussagten, dass Beschneidungen hilfreich bei der Bekämpfung von Krankheiten wie Aids seien oder der Hygiene dienten, solle man lieber nicht vertrauen. Im Grunde könne man die historischen Arbeiten zum Thema Beschneidung, so sagt Moll, „komplett wegwerfen“.
http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft ... 29537.html
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » Di 24. Jul 2012, 21:26

Nur zwischendurch eingeworfen, Argumente kommen in drei Tagen wieder oder so: Ein Bericht von SZ Online über den amerikanischen Comic "Foreskin Man": http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anze ... chnittenen
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon mat-in » Di 24. Jul 2012, 22:25

Vollbreit hat geschrieben:
mat-in hat geschrieben:
Vollbreit hat geschrieben:Ich bin da bei Hans Jonas:
http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Prinzip_Verantwortung
Da ist mein Problem, daß ich sehr kreativ bin. Mir fällt mit Sicherheit ein halbes Dutzend Möglichkeiten ein mit einem Erbgut-Reperatur-Kit Menschen zu töten...

Du hast den link nicht gelesen, oder?
Ansonsten verstehe ich die Antwort nicht.

Ich bezog mich auf:
Da Sicherheit in der Abschätzung der komplexen Technikfolgen kaum zu erlangen sein werde, sei grundsätzlich nach der „Heuristik der Furcht“ die schlechtere Prognose der besseren vorzuziehen, um der Versuchung der Abwiegelung zu entgehen, und um Schadenshöhe (etwa bis hin zur potentiellen Auslöschung der Menschheit) mit Schadenswahrscheinlichkeit zu verrechnen.

Schadensmöglichkeit: hoch, Schadenswahrscheinlichkeit? ein einziger Depp der nicht mit Schusswaffen sondern mit Biotechnologie umgehen kann. Viren genetisch verändern und herstellen lernt man im Hauptpraktikum, dafür braucht es nicht mal einen Abschluß... Also: Forschung komplett einstellen, des enormen Risikos wegen?
Natürlich ist das eine gute Art und Weise abzuschätzen... auch wenn wir uns bei der Abschätzung selbst schon vertun können. Das macht man ja auch schon, z.B. wenn man Sicherheitsstufen für Versuche einteilt und Sicherheitsvorkehrungen trifft. Das sind aber konkrete Abschätzungen akuter Risiken. Was mal in 20 Jahren daraus wird... bzw. welcher politische Wille, welcher Religiöse Irrsinn, welche verdrehte Technologie es für seine / ihre Zwecke mißbraucht. Das ist das grundlegende Dilemma mit smart-bomben und dummen-leuten... wir sind schon ein par Jahrzehnte in einem Zeitalter, in dem einzelne Individuen binnen Minuten die Spezies auslöschen können. Dem können wir nicht durch nicht-forschen begegnen sondern nur durch ein erwachsenwerden in Ethik und Handeln.

Vollbreit hat geschrieben:Mich hat diese dünnhäutige Reaktion auch überrascht.
Mich eigentlich nicht. Qualitativ neu ist, daß sich die katholische Kirche so einsetzt wenn es nicht um sie selbst geht... Schulterschluß gegen den Säkularen Feind? Und die Parteien enttäuschen. Durch die Bank weg.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Di 24. Jul 2012, 22:31

mat-in hat geschrieben:Schadensmöglichkeit: hoch, Schadenswahrscheinlichkeit? ein einziger Depp der nicht mit Schusswaffen sondern mit biotechnologie umgehen kann. Viren genetisch verändern und herstellen lernt man im Hauptpraktikum, dafür braucht es nicht mal einen Abschluß... Also: Forschung komplett einstellen, des enormen Risikos wegen?


Folgt man dieser Argumentation, selbstverständlich.
Gemacht wird das natürlich nicht, ist mir schon klar.
Aber wie lautet denn Deine ethische Alternative?
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » Mi 25. Jul 2012, 01:05

Zappa hat geschrieben:Ich wähle mal eine andere Frage, um dich von deinem Erregungsniveau herunter zu holen: Was ist daran falsch 9 Monate vor der Empfängnis die Vorhaut mittels gentechnischem Eingriff gar nicht erst entstehen zu lassen, damit man die 8 Tage nach der Geburt nicht schmerzbehaftet wegschnippeln muss?

Es geht um die sog. "gattungsethischen Prämissen". Vollbreit hat es "stillschweigende Prämissen" des Menschseins genannt, die da aufgekündigt würden. Diese Prämissen zu achten ist unauflösbar mit Habermas' Menschenwürdebegriff verbunden. Ich habe ja im Studium schon mit der vollen Bandbreite von Menschenwürdedefinitionen zu tun gehabt, und die von Habermas (oder die recht ähnliche von meinem eigenen Prof. Heiner Bielefeldt, die für meinen Geschmack etwas knackiger, aber im Kern sehr ähnlich ist) ist einfach die mit Abstand beste und leistungsfähigste. Alle anderen verfangen sich entweder in Widersprüchen, gelten nur eingeschränkt oder sind, etwa wegen transzendentaler Begründungen, nur für partikulare Gruppen annehmbar.

Habermas also, nicht weil er eine "Autorität" ist, sondern weil sein diskursethisches Konzept einfach überlegen ist. Bei Habermas sind die gattungsethischen Prämissen der sog. Einbettungskontext für die Menschenwürde. Menschenwürde ist bei ihm nicht, wie etwa bei Luhmann, etwas, was der Mensch leisten muss oder was ihm positivrechtlich zugestanden wird (z.B. Horst Dreier, wobei das etwas verkürzt gesagt ist) oder was ihm von Gott gegeben wurde (z.B. bei Ernst-Wolfgang Böckenförde, auch hier etwas simplifiziert gesagt), sondern was Grundvoraussetzung für gelingende Kommunikation ist (und wie Hannah Arendt sagte: "Gewalt beginnt da, wo das Reden aufhört"). Anders gesagt, wenn wir uns nicht gegenseitig mit Achtung entgegentreten, also mit einem Bewusstsein dafür, dass der Andere eine Person mit Grenzen und Autonomie ist, können wir nicht miteinander reden. Wir können dann zwar im weitesten Sinne kommunizieren, aber das läuft letztlich auf gegenseitiges Erpressen und Befehle erteilen hinaus, nicht auf einen Diskursprozess unter Gleichen. Eine Diskussion, wie wir sie gerade führen, wäre unter diesen Umständen nicht möglich (und wenn du ein sehr schüchterner Nutzer wärst, würde vielleicht schon der Adminrang unter meinem Nick dafür sorgen, dass der Diskurs asymmetrisch wird, obwohl der tatsächliche Machtunterschied bei Lichte betrachtet minimal ist).

Es geht also nicht darum, dass es besonders gemein ist, wenn man jemanden durch positive Eugenik gentechnisch gestaltet, sondern dass dadurch die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Gleichen (die "herrschaftsfreie Kommunikation") als solche korrumpiert wird. Das Kind kann sich von dieser in seinen Körper eingeschriebenen Eigenschaft ja nie wirklich frei machen. Sicher, das ist auch bei starker frühkindlicher Prägung ähnlich und Habermas hätte auch gegenüber weltanschaulicher Indoktrination von Kindern sicher seine Einwände, aber das relativiert ja a) nicht das Problem der positiven Eugenik und ist b) auch von anderer Qualität, weil Eltern und Kind beide eine DNA haben, die Habermas "unverfügbar" nennen würde. Die "Unverfügbarkeit menschlichen Lebens", also die Unmöglichkeit, in bestimmte Bereiche menschlichen Lebens, etwa die DNA, einzugreifen, ist auch so eine gattungsethische Prämisse. Und diese Prämissen müssen eben aufrechterhalten werden, wenn Kommunikation möglich sein soll. Andernfalls ist es immer eine Kommunikation zwischen Ungleichen, also in letzter Konsequenz zwischen Mächtigem und Untergebenen. Vielleicht etwas anschaulicher: Stell dir vor, du hättest wegen einer DNA-Modifikation deiner Eltern seit deiner Geburt ein Brights-Logo auf deinem Penis prangen. Könntest du je sicher sein, dass du freiwillig hier bist? Würden dir nicht immer die Wünsche und Erwartungen deiner Eltern, die sich von ihrer Kreatur (nicht mehr ihrem Kind!) bestimmtes erwarten, im Nacken sitzen?

Und übrigens, ich bin nicht irrational erregt, aber ich bin bei diesem Thema schon mit Leidenschaft dabei. Und klar besorgt es mich, wenn ich das Gefühl bekomme, dass da jemand mehr über die Mittel als über den Zweck nachdenkt. Ich werde halt den Eindruck nicht los, dass für dich die Eltern mit dem Kind tun können, was sie möchten, solange sie es schön lieb und schmerzlos tun. Da könnte man jetzt üble Vergleiche ziehen. Sind wir uns denn nicht einig, dass es prinzipielle, von technischen Machbarkeiten unabhängige und mehr an hermeneutischen Prinzipien (= verstehen, was passiert, nicht wie es passiert) orientierte Grenzen geben muss, die zwischen dem Erziehungsrecht der Eltern (das im Interesse des Kindes als autonomem Individuum bzw. als Person stehen muss, würde ich behaupten) und dem Gestaltungsrecht der Eltern nach persönlichem Geschmack unterscheidet? Ich bin ja einverstanden, dass Eltern ihre Kinder nach bestimmten religiösen Prinzipien erziehen dürfen oder es auf eine bestimmte Weise kleiden dürfen, aber am Körper des Kindes oder gar in seiner DNA herumpfuschen geht, hallo, aber sowas von viel zu weit.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Myron » Mi 25. Jul 2012, 04:46

Nanna hat geschrieben:…(oder die recht ähnliche von meinem eigenen Prof. Heiner Bielefeldt


"Der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- und Glaubensfreiheit, Heiner Bielefeldt, bezeichnete die Argumente des Gerichts als 'groben Unsinn'. Im Urteil fänden sich 'bizarre Aussagen'."

http://www.spiegel.de/panorama/gesellsc ... 41550.html

Wärst du so freundlich, deinem Prof bei Gelegenheit eine Torte ins Gesicht zu klatschen?!
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon mat-in » Mi 25. Jul 2012, 07:10

Vollbreit hat geschrieben:
mat-in hat geschrieben: Also: Forschung komplett einstellen, des enormen Risikos wegen?

Folgt man dieser Argumentation, selbstverständlich. Gemacht wird das natürlich nicht, ist mir schon klar. Aber wie lautet denn Deine ethische Alternative?
Ganz so pessimistisch wie ich es dargestellt habe ist es ja nicht. Bei konkreten Projekten wird ja abgeschätzt und bewertet. Aber was die Grundlagenforschung und unser heutiges Technologienievau angeht gibt es keine Alternative: Wir müssen - als ganze Spezies wenn möglich - erwachsen werden. Jemand anderem das letzte Bauklötzchen wegnehmen, so daß der einem dann aus Rache den Klötzchenturm mit einem Modellflugzeug einreißt und man sich dann in wildem gezanke auf dem Fußboden rollt und auch seine Freunde da mit rein zieht mag im Kindergarten o.k. sein aber weltpolitisch wirkt es gerade zu albern und angesichts moderner Technik existenzbedrohend für alle. Wobei ich da nicht den Terrorismus als Hauptproblem sehe, er ist nur ein griffiges Beispiel da medial sehr präsent.
Einen großen Hebel das zu verbessern sehe ich bei den Religionen, aber ein wirkliches Patentrezept wie man es schaffen kann, sich unserem Techniklevel angemessen zu verhalten, also allen zu vermitteln sich so zu verhalten, habe ich leider auch nicht :boxen:
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon stine » Mi 25. Jul 2012, 07:39

Nanna hat geschrieben:Stell dir vor, du hättest wegen einer DNA-Modifikation deiner Eltern seit deiner Geburt ein Brights-Logo auf deinem Penis prangen. Könntest du je sicher sein, dass du freiwillig hier bist? Würden dir nicht immer die Wünsche und Erwartungen deiner Eltern, die sich von ihrer Kreatur (nicht mehr ihrem Kind!) bestimmtes erwarten, im Nacken sitzen?
Es muss ja nicht der beschriebene Sachverhalt sein, aber grundsätzlich ist es schon so, dass Kinder Erwartungshaltungen zu erfüllen haben. Auch wir Erwachsene sind nicht gänzlich frei davon, an uns gestellte Erwartungen zu erfüllen. Wir sind fremdbestimmt und ein Rädchen im Getriebe. So gesehen muss ich @Vollbreit fast Recht darin geben, dass die Beschneidung nicht die einzige Qual ist, mit der ein Mensch in seinem Leben fertig werden muss.

LG stine
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Mi 25. Jul 2012, 09:29

Nanna hat geschrieben:Anders gesagt, wenn wir uns nicht gegenseitig mit Achtung entgegentreten, also mit einem Bewusstsein dafür, dass der Andere eine Person mit Grenzen und Autonomie ist, können wir nicht miteinander reden. Wir können dann zwar im weitesten Sinne kommunizieren, aber das läuft letztlich auf gegenseitiges Erpressen und Befehle erteilen hinaus, nicht auf einen Diskursprozess unter Gleichen.


Und selbst Erpressungen und Befehle leben von einem gemeinschaftlich geteilten Vorverständnis (oder Präsuppositionen) wie es bei Habermas heißt. Ich muss ja die implizite Drohung einer erpresserischen Andeutung oder einer vorgehaltenen Waffe verstehen, sonst bricht auch dieses Sprachspiel in sich zusammen.

Aber für eine Kommunikation im besseren Sinn gilt – nach Habermas – alles das, was Du richtig ausführst:
Habermas hat geschrieben:"In einer Situation des tiefgreifenden Dissenses müssen "sie" sich nicht nur bemühen, die Dinge aus "unserer" Perspektive zu verstehen, sondern "wir" müssen in gleicher Weise versuchen, die Dinge aus "ihrer" Perspektive zu begreifen. Sie gewinnen nicht einmal ernstlich die Chance, von uns zu lernen, wenn wir nicht die Chance hatten, von ihnen zu lernen, und nur am Stocken "ihrer" Lernprozesse werden wir der Grenzen "unseres" Wissens inne. Die Verschmelzung der Interpretationshorizonte, auf die nach Gadamer jeder Verständigungsprozess abzielt, bedeutet keine Assimilation an "uns", sondern immer eine durch Lernen gesteuerte Konvergenz "unserer" und "ihrer" Perspektiven - gleichviel, ob "wir" oder "sie" oder beide Seiten die bloß üblichen Rechtfertigungspraktiken mehr oder weniger reformieren müssen. Denn das Lernen selbst gehört weder uns noch ihnen - beide Seiten sind darin auf die nämliche Weise verwickelt. Noch im schwierigsten Verständigungsprozess, stützen sich alle Parteien auf den gemeinsamen, wenn auch jeweils aus dem eigenen Kontext heraus entworfenen Bezugspunkt eines möglichen Konsenses. Denn Konzepte wie Wahrheit, Rationalität oder Rechtfertigung spielen in jeder Sprachgemeinschaft, obwohl sie verschieden interpretiert und nach verschiedenen Kriterien angewendet werden, dieselbe grammatische Rolle.“
(J. Habermas, Nachmetaphysisches Denken, Suhrkamp 1988, S.177)


Nanna hat geschrieben:Es geht also nicht darum, dass es besonders gemein ist, wenn man jemanden durch positive Eugenik gentechnisch gestaltet, sondern dass dadurch die Möglichkeit der Kommunikation zwischen Gleichen (die "herrschaftsfreie Kommunikation") als solche korrumpiert wird.


Richtig.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Mi 25. Jul 2012, 09:39

Erwartungshaltungen an Kinder von Erwachsenen sind soweit auch in Ordnung, denn wenn der Nachwuchs erwachsen ist, kann er diese Erziehungsrichtlinien total umdrehen: Aus einem zum Christen Erzogenen kann ein erwachsener Teufelsanbeter werden, dieser Freiraum ist vorhanden.

Aus einem Beschnittenen kann aber kein Unbeschnittener werden. Er kann also nur als Gezeichneter seine Religion verlassen.

Das Stück Haut das geklaut wird, besitzt Nervenzellen und spürt Berührungen, somit ist dies sogar ein grasser Einschnitt in das zukünftige Sexualeben!
Somit ist so ein Akt nur mit Volljährigkeit auszuführen.

Die Beschneidung zeigt auf, wie verfänglich die deutsche Politik ist und in Windeseile Menschenrechte aufgeben für einflussreiche Interessengruppen; heute die Beschneidung von männlichen Babys, morgen kommen die Mädchen dran-oder?
Unsere Politiker haben zuviel Macht und man muss aufpassen, dass nicht wieder Negativfiguren wie Hitler uns mit Abscheu überschütten, siehe Verfassungsschutz mit seinem Spielchen.
Kanzlerkanditaten werden in Hinterzimmern mit kleiner Besetzung gekrönt und dann wird er im Schwarm- oder Rudelverhalten bei einem Mussverfahren in den Parteien bestätigt, wie im Führerprinzip: Ich kenne keinen einzigen Bundeskanzler/in wo dies nicht so gelaufen ist!

Daher muss man die Gen-Forschung gut überwachen, sonst werden die Babys nach Wunsch der Religion entworfen.

Wenn man eventuell Knochen von Jesus oder anderes Erbmaterial findet, wird bestimmt die Wissenschaft versuchen, den Messias in grosser Zahl wieder auferstehen zulassen-oder?

----------------------

Beschneidigungen an Minderjährigen gehören aus Religions- oder Schönheitsgründen verboten, da es Eingriffe sind, die man nur als Volljähriger für sich entscheiden kann! Alles andere ist eine verbrecherische Tat - und jene wo es genehmigen oder durchführen sind Verbrecher! Die Hose ziehen sich wohl auch gerne die deutschen Politker in Mehrheit an. Politik ist eben oft kriminell.Darum habe ich immer Angst vor Berlin!!
-so sollte es man sagen und schreiben dürfen!-
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Mi 25. Jul 2012, 09:53

mat-in hat geschrieben: Ganz so pessimistisch wie ich es dargestellt habe ist es ja nicht. Bei konkreten Projekten wird ja abgeschätzt und bewertet. Aber was die Grundlagenforschung und unser heutiges Technologienievau angeht gibt es keine Alternative: Wir müssen - als ganze Spezies wenn möglich - erwachsen werden. Jemand anderem das letzte Bauklötzchen wegnehmen, so daß der einem dann aus Rache den Klötzchenturm mit einem Modellflugzeug einreißt und man sich dann in wildem gezanke auf dem Fußboden rollt und auch seine Freunde da mit rein zieht mag im Kindergarten o.k. sein aber weltpolitisch wirkt es gerade zu albern und angesichts moderner Technik existenzbedrohend für alle. Wobei ich da nicht den Terrorismus als Hauptproblem sehe, er ist nur ein griffiges Beispiel da medial sehr präsent.


Wenn ich es richtig sehe, verwendest Du hier jene Existenzbedrohung als Argument, die Du bei Jonas kleinreden möchtest?
Hohe Sicherheitsstandards sind sicher die nächstbeste Lösung, nur angesichts von Abstürzen von Raumfähren, kaputten Kernkraftwerken und menschlichem Fehlverhalten bin ich da skeptisch.
Empirisch verifiziert.
Erwachsen werden, könnte ja auch heißen, nicht mit jedem Bauklötzchen zu spielen, nach dem Motto (naturalistischen Fehlschluss und der moralischen Bankrotterklärung), dass es irgendeiner doch ohnehin tut.

mat-in hat geschrieben:Einen großen Hebel das zu verbessern sehe ich bei den Religionen, aber ein wirkliches Patentrezept wie man es schaffen kann, sich unserem Techniklevel angemessen zu verhalten, also allen zu vermitteln sich so zu verhalten, habe ich leider auch nicht :boxen:


Vermutlich wird es am Atheisten und zukünftigen Molekularbiologen Darth schon scheitern, der nämlich Bedenkenträger für altmodisch und naiv hält, getreu der o.a. moralischen Bankrotterklärung.
Das stört ihn aber gar nicht, weil er Moral ohnehin für verzichtbar hält und weiß, dass der Mensch im Kern egoistisch ist, er kann nichts dazu, seine Biologie hat ihn so gemacht. Aber er kann Menschen gut manipulieren, meint er von sich, wenn das zu seinem Vorteil ist. Da kann man ja entspannt aufatmen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Mi 25. Jul 2012, 09:58

webe hat geschrieben:Daher muss man die Gen-Forschung gut überwachen, sonst werden die Babys nach Wunsch der Religion entworfen.

Wenn man eventuell Knochen von Jesus oder anderes Erbmaterial findet, wird bestimmt die Wissenschaft versuchen, den Messias in grosser Zahl wieder auferstehen zulassen-oder?


Bekanntlich zählen religiöse Menschen ja auch zu den größten Befürwortern der Gentechnik und würden von der Aussicht in einer hybriden Verirrung in Gottes Schöpfung einzugreifen, sicher sogleich Gebruach machen.

Das ist halt das Problem von Menschen, die aus ihrem eigenen Weltbild nicht mal versuchsweise herauskommen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Mi 25. Jul 2012, 16:00

ich habe nie studiert und gelte in manchen Dingen als ungebildet, trotzalledem habe ich mir mit 12 Jahren die mir angezogene Religion aus eigener Interesse nochmals für meine Person und mit mit meinen Mitteln überprüft, und dann abwertend empfunden.
Deshalb wunderst mich, dass Studierte sich solchem Unsinn ausliefern.

Aber ich vermute, dass manche von den Bessergebildeten keinen wirklichen Halt in der Gesellschaft finden, andere sind in ihrer Persönlichkeit unmündig auf Dauer, und wieder Andere scheffeln in jener Position ihr Geld,und Manche haben vor denm Sterben und dem Nichts danach, deshalb ist die Religion der Rahmen für ihr Leben.

Ein Furz hat für mich mehr Wirklichkeit als Religion.

----
Für die Vorstufen und das Anfangsstadium der Menschheit aktzepiere ich solchen Hokupokus.
Anderseits als Demokrat lass ich Religionsdenken zu, aber nicht staatsformend!
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Mi 25. Jul 2012, 16:07

Stimmt: Jene Befürworter für absurde Gen-Technik-Wünsche kommen meist aus dem religiösen Lager

Es ist genauso unsinnig, dass Religionsaustreter bei den Ämtern eine Gebühr entrichten müssen, normalerweise müsste es umgekehrt sein!
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