Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » Fr 27. Jul 2012, 21:08

Vollbreit hat geschrieben:Undnochngedicht:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/ ... en/seite-1

Das trägt nichts Neues zur Diskussion bei, diese Meinungen gibt es, sie weichen aber dem Sachverhalt aus, bringen keine Argumente.
Benutzeravatar
Darth Nefarius
 
Beiträge: 2625
Registriert: Di 22. Nov 2011, 16:23

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon blauregen » Fr 27. Jul 2012, 21:25

Vollbreit hat geschrieben:Nun hast Du aber nicht das GG formuliert und das gibt es eben der Artikel 4:

Das Grundgesetz hat geschrieben:Art 4
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen
Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein
Bundesgesetz.
http://www.gesetze-im-internet.de/bunde ... gesamt.pdf


Ein hohes Gut an recht zentraler Stelle, wat nu?


Ich glaube nu liest man als nächstes Artikel 140 im gleichen Buch. Der enthält Art. 136 WRV und sagt:

Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.


Soll heissen dass wenn deine Religion zum Beispiel verlangt deine Frau zu schlagen, oder deine Tochter gegen ihre Schulpflicht aus der Schule zu nehmen, dass du das nicht mit Religionsfreiheit rechtfertigen kannst. Ebenso kannst du die Vorhautentfernung bei Kleinkindern nicht mit Religionsfreiheit rechtfertigen, wenn es eine Körperverletzung ist. Wenn jetzt natürlich ein Gesetz verabschiedet wird dass besagt dass es keine ist, dann ist alles in Butter damit.
blauregen
 
Beiträge: 57
Registriert: Mi 8. Apr 2009, 02:35

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Fr 27. Jul 2012, 21:49

Ja, das Recht wird ja interpretiert, wie Du vermutlich besser weißt, als die meisten anderen hier.
Es gilt abzuwägen was höherwertig ist.
Ich denke nur, die Würfel sind längst gefallen.
Benutzeravatar
Vollbreit
 
Beiträge: 2413
Registriert: Mi 30. Nov 2011, 11:48

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Fr 27. Jul 2012, 22:02

Die Politik hat hier ihre Entscheidung längst gefällt, aber die Hoffnung liegt beim Verfassungsgericht, dass zur Zeit liberaler und menr Rechtsbewusstsein hat, als die Abgeordneten aller Kammern im Gesamten.
Benutzeravatar
webe
 
Beiträge: 671
Registriert: Fr 12. Jan 2007, 22:10

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon mat-in » Sa 28. Jul 2012, 07:38

blauregen hat geschrieben:
Das Grundgesetz hat geschrieben:Art 4
(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen
Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.
(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein
Bundesgesetz.
http://www.gesetze-im-internet.de/bunde ... gesamt.pdf


Ein hohes Gut an recht zentraler Stelle, wat nu?
Ich sehe da eine Bestätigung des Beschneidungsverbots. (1) freiheit des Glaubens (des Kindes) über (2) Ungestörte Religionsausübung (Der Eltern). Aber ich denke da wohl zu Laienhaft.

Ist das eigentlich noch jemand aufgefallen, das Religionsfreiheit - in ihrer Auslegung nicht als Freiheit von Zwang zur Religion, sondern als Recht auf freie Religionsausübung - mit so gut wie allen Grundrechten konkurriert und sich reibt? Redefreiheit? Gotteslästerung! Glaubensfreiheit? Aber sicher, und wenn es nicht mein Glaube ist muß ich dich (mit Gewalt) bekehren! Gleichberechtigung von Mann und Frau? LOL! Tierschutz? Ich will aber schächten! Körperliche Unversehrtheit? Du Nazi! Wie kannst du körperliche Unversehrtheit verlangen, gegen Gottes Gebot! .......

Ist der "positive" Teil von Religionsfreiheit nicht mit Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit abgedeckt? Brauchen wir auch die "Narrenfreiheit nach Religiösen Gesetzen"?
Benutzeravatar
mat-in
 
Beiträge: 1953
Registriert: Di 14. Sep 2010, 12:39

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » Sa 28. Jul 2012, 08:28

Vollbreit hat geschrieben:Ja, das Recht wird ja interpretiert, wie Du vermutlich besser weißt, als die meisten anderen hier.

Sei mal nicht so anmaßend, du bist hier mit deiner Meinung in der Minderheit, blauregen hat die Meinung der Mehrhreit hier bestätigt.
Vollbreit hat geschrieben:Es gilt abzuwägen was höherwertig ist.
Ich denke nur, die Würfel sind längst gefallen.

Sind sie nicht, die die Vorredner haben gesagt, wieso. Es wäre nciht das erste mal, dass sich das Verfassungsgericht mit dem Bundestag anlegt und gewinnt.
mat-in hat völlig recht, wenn es Reibung zwischen zwei Rechten gibt, dann ist eines davon die Religionsfreiheit.
Benutzeravatar
Darth Nefarius
 
Beiträge: 2625
Registriert: Di 22. Nov 2011, 16:23

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon mat-in » Sa 28. Jul 2012, 09:15

Bild
Benutzeravatar
mat-in
 
Beiträge: 1953
Registriert: Di 14. Sep 2010, 12:39

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Sa 28. Jul 2012, 09:25

mat-in hat geschrieben:Ist das eigentlich noch jemand aufgefallen, das Religionsfreiheit - in ihrer Auslegung nicht als Freiheit von Zwang zur Religion, sondern als Recht auf freie Religionsausübung - mit so gut wie allen Grundrechten konkurriert und sich reibt? Redefreiheit? Gotteslästerung! Glaubensfreiheit? Aber sicher, und wenn es nicht mein Glaube ist muß ich dich (mit Gewalt) bekehren! Gleichberechtigung von Mann und Frau? LOL! Tierschutz? Ich will aber schächten! Körperliche Unversehrtheit? Du Nazi! Wie kannst du körperliche Unversehrtheit verlangen, gegen Gottes Gebot! .......

Ist der "positive" Teil von Religionsfreiheit nicht mit Gewissensfreiheit, Glaubensfreiheit abgedeckt? Brauchen wir auch die "Narrenfreiheit nach Religiösen Gesetzen"?


Ist mir nicht aufgefallen.
Ich finde in der „Zeit“ wird es ganz gut auf den Punkt gebracht:
Die Zeit hat geschrieben:Manche dieser Verteidiger halten es schon für einen "unglaublichen Vorgang", in der Abwägung zwischen dem Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und der Religionsfreiheit sowie dem Erziehungsrecht der Eltern letzteren den Vorrang zu geben. Dabei nehmen eine solche Abwägung gleichrangiger, gleichwertiger Grundrechte fast täglich deutsche Gerichte und erst recht das Bundesverfassungsgericht vor. Das wird am Ende, wie es aussieht, auch diese Frage entscheiden.
http://www.zeit.de/politik/deutschland/ ... en/seite-1


Wenn wir kein Grundrecht auf freie Religionsausübung hätten, wäre die Sache klar. Wir haben aber eines. Also muss abwogen werden, juristisch der normalste Vorgang der Welt.
Oder es gibt, wie blauregen sagt, ein Gesetz, was Beschneidungen ausdrücklich erlaubt, dann ist die Sache wieder klar.

Was die Redefreiheit und dergleichen angeht, lass es mich mal drastisch darstellen.
Wenn wir beide uns unterhalten und nicht einer Meinung sind, dann darf ich Dich kritisieren. Ich darf Dich, m.E. auch ein wenig an der Nase rumführen, wenn ich meine, dass ich das kann. Ich darf ironisch werden. Was ich nicht darf, ist Dir zu sagen: „Du verschissener Hurensohn, ich fick deine Mutter und piss auf dein Grab.“ Ich darf Dich auch nicht herabsetzen, entwürdigen, Dich verleumden, Dir übel nachreden, irgendwelche schmutzigen Andeutungen über Dich in die Welt setzen, die Dir schaden könnten. Aber ich darf wiederum meine Meinung sagen. Und auch da ist irgendwo die Grenze, um die man tanzt.

Es hängt nun vom Einzelnen ab, wie schnell er sich angegriffen, gekränkt und beleidigt fühlt. Wie weit darf Kritik und Satire gehen, was muss man aushalten können und was nicht?
Ist Akzeptanz von Kritik Schwäche oder Größe? Bin ich ein Wachlappen, wenn ich mich nicht wehre, jemand, der keine Ehre hat oder bin ich stark, wenn ich über den Dingen stehe und hier und da vielleicht sogar über mich schmunzeln kann?

Die Frage wird von Christen und Moslems durchaus anders bewertet und anders beantwortet.
Wie geht „man“ richtigerweise mit Kritik um, das ist die Frage die dahinter steht.
Für uns ist das relativ klar, weil wir durch unsere Werte geprägt sind. Aber ist das nun ein vernünftiger oder einfach ein chauvinistischer Standpunkt, der behauptet, dass unsere Normen und Werte immer und überall die besseren sind?

Wenn Du mal ein gesellschaftliches Binnenexperiment starten willst, z.B. hier im Forum, bitte doch einfach mal darum, dass man Dir die Begründung dafür gibt, warum unsere Werte die besseren sind.
Du wirst – so meine Prognose – Dich wundern, wie schnell man einerseits gegenseitige Bekundungen erntet, dass man über solche Dinge doch wohl nicht ernsthaft zu reden braucht, aber wenn man dann fragt, was genau diese, unsere Ansichten eigentlich prinzipiell besser macht, wird es … tja, interessant.
Benutzeravatar
Vollbreit
 
Beiträge: 2413
Registriert: Mi 30. Nov 2011, 11:48

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » Sa 28. Jul 2012, 10:20

www.freitag.de/autoren/ed2murrow/aerzte ... -freibrief

Der anschliessenden Meinung eines Leser ist nichts mehr beizufügen.
Benutzeravatar
webe
 
Beiträge: 671
Registriert: Fr 12. Jan 2007, 22:10

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon blauregen » Sa 28. Jul 2012, 11:52

Vollbreit hat geschrieben:Wenn wir kein Grundrecht auf freie Religionsausübung hätten, wäre die Sache klar. Wir haben aber eines. Also muss abwogen werden, juristisch der normalste Vorgang der Welt.
Oder es gibt, wie blauregen sagt, ein Gesetz, was Beschneidungen ausdrücklich erlaubt, dann ist die Sache wieder klar.


Vorweg, bevor mir hier jemand Autorität zuspricht, ich bin kein Jurist. Ich hatte nur eine Zeitlang Gelegenheit Rechtsvorlesungen zu hören. Wenn jemand der Meinung ist dass ich mich irre, so soll er bitte den Juristen seines Vertrauens fragen.

Eigentlich wollte ich nur darauf hinweisen, dass die Religionsfreiheit im Grundgesetz ausdrücklich beschränkt ist, weil das oft vergessen wird, wenn Artikel 4 ins Spiel gebracht wird. Und es gilt für alle, nicht nur für mündige Erwachsene.
Was ein entsprechendes Gesetz betrifft, bin ich gespannt wie sie das formulieren wollen. Sie können nicht ausdrücklich zwingende religiöse Pflichten im Rahmen der Religionsfreiheit über das Grundgesetz stellen, weil das eine Verfassungsänderung nach sich ziehen müsste. Das würde das Bundesverfassungsgericht wohl kassieren, bevor die Tinte trocken ist. Der erfolgversprechendste Pfad wäre wohl das soziale Wohl des Kindes als äquivalent einer medizinischen Indikation anzunehmen, und überzeugend zu argumentieren dass das unbeschnittene Kind erhebliche soziale Nachteile hätte. Das würde die Körperverletzung wegen vorhandenem Notstand und angenommener Einwilligung der gesetzlichen Vertreter rechtfertigen. Das wäre aber eher im Rahmen eines Grundsatzurteils, als eines Gesetzes.

Andernfalls ist die Lage, meiner Meinung nach, inopportun aber klar. Mit der Religionsfreiheit kann man da nicht argumentieren,weil in Deutschland gilt dass die Verfassung religiöse Pflichten schlägt. Und das schliesst das Recht auf körperliche Unversehrtheit ein. Die Kölner waren da im Rahmen ihrer Möglichkeiten und nach meinem Rechtsverständnis wahnsinnig lieb zu den Religiösen. Sie haben den Tatbestand nämlich auf einfache Körperverletzung runtergestuft, was es zu einem Antragsdelikt macht und da gilt: Wo kein Kläger .....

Nun ist es aber ein Politikum, und wir müssen uns von der komfortablen Rechtsunsicherheit wohl trennen. Persönlich wäre ich mit einem entsprechenden Gesetz ( bis jetzt haben wir ja nur eine politisch motivierte Erklärung dass man gerne eines hätte) nicht sehr glücklich, weil es je nach Formulierung mit einer ganzen Reihe verfassungsrechtlicher Grundsätze kollidieren könnte, und unschöne Maßstäbe schafft, sollte eine religiöse Autorität weitere religiöse zwingende Vorschriften erlassen.

Vollbreit hat geschrieben:Wenn Du mal ein gesellschaftliches Binnenexperiment starten willst, z.B. hier im Forum, bitte doch einfach mal darum, dass man Dir die Begründung dafür gibt, warum unsere Werte die besseren sind.
Du wirst – so meine Prognose – Dich wundern, wie schnell man einerseits gegenseitige Bekundungen erntet, dass man über solche Dinge doch wohl nicht ernsthaft zu reden braucht, aber wenn man dann fragt, was genau diese, unsere Ansichten eigentlich prinzipiell besser macht, wird es … tja, interessant.



Als Grundsatzfrage losgelöst vom aktuellen Fall:

Es mag an meiner apatheistischen geprägten Weltanschaung liegen, aber grundsätzlich würde ich eine weltliche Verfassung über religiöse Vorschriften stellen, sofern sie nicht mit den Menschenrechten kollidiert und die Pflicht zur Anpassung bei den Religionen sehen. Es ist ja nicht so dass, Religionen unfähig sind sich an weltliche Wertvorstellungen anzupassen. Kinder werden hierzulande zum Beispiel normalerweise nicht mehr komplett ins Taufbecken getunkt, sondern mit weniger Stress in ihre Religionsgemeinschaft aufgenommen.

Aber meine grundlegende Motivation unsere Grundgesetz über religiöse Grundsätze zu stellen, ist zu einem sehr großen Teil egoistisch. Ich bin Mitglied einer Menschengruppe die nach den Dogmen der meisten großen Religionen nicht nur einfach sündig und zu verschiedenen Höllen verdammt ist, sondern gegen die in stark religiös geprägten Gesellschaften deutlich stärker diskrimniert und die in einigen solchen Gesellschaften aktiv verfolgt wird (nein, nicht Atheisten).. Ich fühle mich in einer Gesellschaft in der religiöse Erwägungen nicht in die Rechtsprechung einfliessen einfach sicherer und stelle meine körperliche (und psychische) Unversehrheit über etwaige weltanschauliche Probleme die jemand deswegen mit seiner Religion bekommen könnte.
blauregen
 
Beiträge: 57
Registriert: Mi 8. Apr 2009, 02:35

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » Sa 28. Jul 2012, 12:16

Danke, für den guten Beitrag.
Mir wäre die komfortable Rechtunsicherheit ehrlich gesagt auch weiterhin lieber gewesen, durchaus auch, aus den von Dir genannten Gründen.

Was den zweiten Teil Deiner Antwort angeht, kann ich ebenfalls zustimmen.
Ich keinem Fall sollten die Rechte einer religiösen Gruppe über unsere Rechte dominieren, nur bin ich der Meinung, dass man religiöse Gruppen auch sanft zur Kooperation drängen kann, da sich zeigt, dass sie sich eben anpassen können.
Dazu müssen wir einfach klar machen, wo für uns die Grenzen liegen und diese rechtlich und moralisch klar formulieren und dazu stehen. Es ist vielleicht sogar eine Frage der Klugheit sich hier und da gesetzlich zu enthalten oder es auf den Einzelfall ankommen zu lassen.

Mir wäre es lieber sog. „Ehrenmorde“, die ausufernde Gewalt gegen Frauen, die sich von Religon und/oder Familie anwenden oder die häusliche Gewalt (m.a.W. systematische Prügeleien, wenn man nicht pariert und macht, was der Vater der Familie sagt, übrigens eine Paradisziplin der Evangelikalen, aber auch gut katholisch verbreitet) wäre entschieden geächtet.

Ich bin nicht für Appeasement, aber gegen unnötigen Streit, bei dem man dann am Ende nur eine schlechte, oder eine schlechte Figur machen kann. Entweder der Staat rudert hektisch zurück oder man stellt die Frage, was bei genügend großer Empörung der nächste Punkt ist, den man durchboxen kann, wie Du schon sagtest.
Benutzeravatar
Vollbreit
 
Beiträge: 2413
Registriert: Mi 30. Nov 2011, 11:48

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » Sa 28. Jul 2012, 16:43

Vollbreit hat geschrieben:Wenn wir kein Grundrecht auf freie Religionsausübung hätten, wäre die Sache klar. Wir haben aber eines. Also muss abwogen werden, juristisch der normalste Vorgang der Welt.

Das wurde gemacht, wie schon tausendmal gesagt und man hat festgestellt, dass die Religionsausübung nicht so viel wiegt wie die Unversehrtheit des Kindes.
Vollbreit hat geschrieben:Die Frage wird von Christen und Moslems durchaus anders bewertet und anders beantwortet.
Wie geht „man“ richtigerweise mit Kritik um, das ist die Frage die dahinter steht.
Für uns ist das relativ klar, weil wir durch unsere Werte geprägt sind. Aber ist das nun ein vernünftiger oder einfach ein chauvinistischer Standpunkt, der behauptet, dass unsere Normen und Werte immer und überall die besseren sind?

Sie sind besser, weil unsere Gesellschaft auf einem höheren zivilisatorischen Level angekommen ist, all die verschiedenen Bewertungen von Kritik und der Umgang mit ihr sind wir in der Geschichte durchlaufen, es gab eine kontinuierliche Entwicklung zur Toleranz und Achtung der körperlichen Unversehrtheit des Gegenübers hin. Damit steht die Bewertung unseres Systems ganz gut dar und gewiss höherwertiger als eines, in dem Menschen wie Tiere in Ehen verkauft und evtl. vorher noch körperlich verstümmelt werden. Nur eine zufriedene, gesunde (sowohl geistig als auch körperlich) Gesellschaft kann so effizient wirtschaften, neue Technologien entwickeln, Reichtum anhäufen. Unser Erfolg gibt dem Denkschema recht.
Vollbreit hat geschrieben:Ich keinem Fall sollten die Rechte einer religiösen Gruppe über unsere Rechte dominieren, nur bin ich der Meinung, dass man religiöse Gruppen auch sanft zur Kooperation drängen kann, da sich zeigt, dass sie sich eben anpassen können.

Du tust so, als hätte man mit diesem Urteil ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt und halb abgedrückt. Was wenn nicht Kompromissbereitschaft haben alle Beführworter des Verbots bewiesen? Zum einen war es nur einfache Körperverletztung, die kaum geahndet werden würde, die Beschneidung in späteren Jahren wäre zulässig, sofern das Kind oder der Erwachsene einwilligt, oder einfach eine medizinische Indikation vorliegt. Und was haben die Rabbis und Imame gesagt?! Zusammengafasst: Ihr tötet Religion!
Wo siehst du bei dieser Reaktion bitte Kompromissbereitschaft???
Vollbreit hat geschrieben:Dazu müssen wir einfach klar machen, wo für uns die Grenzen liegen und diese rechtlich und moralisch klar formulieren und dazu stehen.

Hat man alles gemacht, ist denen sch...egal und sie vergleichen die Befürworter des Verbots mit Nazis. In dieser Frage sind sie einfach nicht kompromissbrereit (wie in vielen anderen auch.). Als ob die Ordination von Priesterinnen den Katholiken viel abverlangen würde, als ob die Aufhebung des Zölibats etwas Illegitimes wäre. Das sind alles menschlich verständliche und begründbare Forderungen, in denen die Religion schlichtweg nicht zum Kompromiss bereit ist.
Vollbreit hat geschrieben:Mir wäre es lieber sog. „Ehrenmorde“, die ausufernde Gewalt gegen Frauen, die sich von Religon und/oder Familie anwenden oder die häusliche Gewalt[...] wäre entschieden geächtet.

In welcher Welt lebst du? Nur weil gerade ein anderes Thema heiß ist, hören die Menschen nicht auf, diese Dinge zu ächten, oder zu verfolgen. Mord steht im allgemeinen nach wie vor unter Strafe.
Vollbreit hat geschrieben:Ich bin nicht für Appeasement, aber gegen unnötigen Streit, bei dem man dann am Ende nur eine schlechte, oder eine schlechte Figur machen kann.

Bis jetzt haben nur die Gegner des Verbots eine schlechte Figur gemacht.
Benutzeravatar
Darth Nefarius
 
Beiträge: 2625
Registriert: Di 22. Nov 2011, 16:23

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon mat-in » Sa 28. Jul 2012, 21:16

Hier die wahre Geschichte wie es zu dem ganzen Mist kam:
http://www.youtube.com/watch?v=IPPEIDHaioU
:applaus:
Benutzeravatar
mat-in
 
Beiträge: 1953
Registriert: Di 14. Sep 2010, 12:39

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » So 29. Jul 2012, 09:52

Die Bewertung ist erstaunlich, knapp 900 gefällt es, etwa einer handvoll nicht. Ich hätte ein gegenteiliges Ergebnis bei diesem Titel erwartet.
Der Film war allerdings nicht sehr lange zu ertragen, er war in Teilen zu pathetisch. Als Comedyserie wäre er vielleicht besser gewesen. Trotzdem hatte Jack Black seinen vielleicht intelligentesten Text im Leben am Ende des Films gesprochen.
Benutzeravatar
Darth Nefarius
 
Beiträge: 2625
Registriert: Di 22. Nov 2011, 16:23

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » So 29. Jul 2012, 14:01

Die erschreckende Beichte eines Verstümmelten:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/d ... 32954.html
Benutzeravatar
Vollbreit
 
Beiträge: 2413
Registriert: Mi 30. Nov 2011, 11:48

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 29. Jul 2012, 15:08

Feridun Zaimoglu hat geschrieben:Für fünf Minuten Ruhm tut ein Glaubensfeind fast alles. Die Anbetung des Herrn ist in seiner Welt nicht vorgesehen. Sein Konzept: Raumhygiene. Seine Waffen: das giftgeifernde Wort, die Unterstellung, die bloße Behauptung, Selbstbesoffenheit. Die heutigen Akteure der Religionskritik sind Profilneurotiker. Sie wollen abschaffen, verfolgen, zerstören, verunglimpfen, zensieren. In einem säkularen Staat dürfen keine Partei und keine Anschauungsschule den Unfrieden wagen. Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar. Der Gläubige glaubt. Der Liberale biegt und beugt, bis die Gottesliebe zur bloßen Ideentapete verkommt.

Na, da weiß einer ja ganz genau bescheid. Gut, dass es die "Säkularen" sind, die dauernd irgendwas unterstellen, einem Gläubigen könnte das ja nie passieren.

So eine armselige Apologetenrhetorik, aber mit "Selbstbesoffenheit" hat der Herr ja immerhin eine zutreffende Vokabel verwendet.

Feridun Zaimoglu hat geschrieben:Dem Gläubigen ist die Liebe des Herrn versprochen. Und doch hat er sich der Welt nicht entfremdet. Er steht als lächerliche Figur nicht selten im Speichelregen des Spotts. Was kann er tun? Gott anbeten. Grinsen, wenn man in ihm einen Schurkenbürger sieht.

Genau diese Haltung ist es, von der ich als Säkularer mich so richtig provoziert fühle. Überlegen tun, süffisant grinsen, sich dem rationalen Diskurs bewusst verschließen und dann andere als "Profilneurotiker", "Rüpel", "streitsüchtige keifende Frauen, die wie die Wildsau durchs Unterholz krachen", "Kulturkämpfer", "Vollstrecker des Zeitgeistes", "Blechaufklärer", "unbedarfte Bürger, die keinen richtigen deutschen Satz formulieren können", "Muslimhasser" und "Jäger der verlorenen Vorhaut" bezeichnen. Wow, jetzt ich bin ja so richtig beeindruckt von der, ebenfalls Zitat (!), "Feinheit und Menschenliebe" des Herrn Zaimoglu.

Feridun Zaimoglu hat geschrieben:Die Beschneidung ist eine Prophetenvorgabe und damit nicht verhandelbar.

Na, dann bleibt uns wohl nur die Konfrontation, was ziviliserte, feine, menschenliebende Menschen eben so tun, im Konflikte beizulegen. Miteinander reden ist ja eh überschätzt. Offenheit für den Diskurs? Kompromissbereitschaft? Austausch von Argumenten? Och nö.

Wenn wir nun schon unsinnigerweise den Spottkrieg einleiten müssen, steh ich natürlich nicht zurück. Das Video bezieht sich zwar auf den Bible Belt, aber die Grundhaltung ist dieselbe. Wenn's im Guten Buch steht, ist es richtig, und damit ist es natürlich auch unverhandelbar:
Benutzeravatar
Nanna
Mitglied des Forenteams
Mitglied des Forenteams
 
Beiträge: 3338
Registriert: Mi 8. Jul 2009, 19:06

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » So 29. Jul 2012, 20:47

@ Nanna (und die, die sich angesprochen fühlen):

Ich hab mir das Interview jetzt noch mal durchgelesen, also ich finde es wirklich nicht schlimm.
Was ich nicht verstehe und zwar wirklich nicht verstehe, das bitte nicht als polemische Attacke missverstehen: Ihr – ich beziehe Dich mit ein, obwohl Du Dich in mancherlei Hinsicht, von anderen unterscheidest – ihr fordert an allen Ecken und Ende, dass Religiöse nicht so dünnhäutig sein sollen, mehr Sinn für Ironie und Satire entwickeln sollen, doch was sie sich dann anhören müssen, hat m.E. oft, sehr oft, wenig mit Ironie und Satire zu tun, sondern ist schon grenzwertig.

Immer wieder mal ätzende Karikaturen, immer wieder die Verbalattacken nahe der Gürtellinie, Kinderfickersekte, immer wieder gebetsmühlenartig deklinierte Zusammenhänge mit Inquisition, dem Dritten Reich, aber noch mehr die ewige Geste wie dumm, wie entsetzlich dumm und primitiv diese Hansel sind, die heute noch an den Weihnachtmann glauben.

Und wenn mal ein selbstbewusster und wortgewandter Gläubiger kommt, der nicht gleich beim Anblick einer Statistik oder beim ersten „Bu“ einnässt, dann ist das gleich ein Bösewicht, der nicht diskutieren will?

Was erwartet ihr? Einen Kotau aller Gläubigen, verbunden mit dem Dank, dass ihr ihnen die Welt erklärt? Die Geste, die von vielen Brights ausgeht, bis hinauf in die Spitze der Organisation ist – und hier muss ich Dich, Nanna, ausdrücklich ausnehmen –, ist Arroganz, gepaart mit der Bekundung an einer Diskussion absolut kein Interesse zu haben.

Wie um alles in der Welt soll ein Gläubiger darauf reagieren, wenn ich mit Verstörung und Abneigung? Da sitzen ein paar Leute rum, die sich über das beömmeln, was anderen heilig ist.
Damit nicht genug, beömmeln sie sich auch noch über die Leute denen das heilig ist.

Was genau soll der Durchschnittschrist oder der Durchschnittsmoslem oder der Durchschnittsjude denn eurer Meinung nach tun?
Benutzeravatar
Vollbreit
 
Beiträge: 2413
Registriert: Mi 30. Nov 2011, 11:48

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon webe » So 29. Jul 2012, 21:23

Jede Person hat das Recht auf Geistesfreiheit, somit auch auf Götteranhimmelung und dergleichen.

Aber Religion darf nicht zum Unterdrücker werden, in Bildungsstätten und in anderen neutralen Zonen Anderstdenkende missionieren, sei es Medien und Staatsfeste. Ebenso Subventionen und Sonderrechte, wie eigenes Arbeitsrecht und besondere Gesetzeslage, einfordern. Da jene Religionen keine historische Beweise für ihre Schriften und Inhalte vorweisen kann, muss sie sich Kritik, Ablehnung und Satire gefallen lassen. Sie hat kein Recht unter Staatsschutz sich zubewegen. Muslime, Christen und Juden widersprechen und stellen sich selbst in Frage, schon alleine mit ihrer Figur Jesus, ob er nun Gottes Sohn ist oder nicht.

Wenn die staatliche Unterstützung in Neutralität sich umwandeln würde, wäre der Stand dieser Religionen ein Anderer als der Heutige.
Nicht der Religiöse braucht den staatlichen Schutz, sondern der Anderstdenkende, denn er ist das Freiwild für jene Kräfte: Siehe religiöse Kindergarten, religiöse Feiern wie Konfermation, Beschneidung und dergleichen!
Benutzeravatar
webe
 
Beiträge: 671
Registriert: Fr 12. Jan 2007, 22:10

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » So 29. Jul 2012, 22:16

webe hat geschrieben:Aber Religion darf nicht zum Unterdrücker werden, in Bildungsstätten und in anderen neutralen Zonen Anderstdenkende missionieren, sei es Medien und Staatsfeste.


Wo fühlst Du Dich denn von Religionen unterdrückt?

Ebenso Subventionen und Sonderrechte, wie eigenes Arbeitsrecht und besondere Gesetzeslage, einfordern. Da jene Religionen keine historische Beweise für ihre Schriften und Inhalte vorweisen kann, muss sie sich Kritik, Ablehnung und Satire gefallen lassen. Sie hat kein Recht unter Staatsschutz sich zubewegen.[/quote]

Doch webe, sie hat das Recht, steht im Grundgesetz.
Ob es historische Beweise für Religionen gibt, ist sowas von nebensächlich.

webe hat geschrieben:Muslime, Christen und Juden widersprechen und stellen sich selbst in Frage, schon alleine mit ihrer Figur Jesus, ob er nun Gottes Sohn ist oder nicht.


Was ja nicht Dein und mein Problem sein muss.

webe hat geschrieben:Wenn die staatliche Unterstützung in Neutralität sich umwandeln würde, wäre der Stand dieser Religionen ein Anderer als der Heutige.


Inwiefern? Meinst Du jemand wird Christ oder Moslem, weil er dann unter staatlichem Schutz steht?

webe hat geschrieben:Nicht der Religiöse braucht den staatlichen Schutz, sondern der Anderstdenkende, denn er ist das Freiwild für jene Kräfte: Siehe religiöse Kindergarten, religiöse Feiern wie Konfermation, Beschneidung und dergleichen!


Also ich bin evangelisch und nicht konfirmiert. Ich habe auch keine Drohbriefe gekommen.
Dass wildfremde Leute von der Straße gezerrt und gegen ihren Willen getauft, konfirmiert oder beschnitten werde, wäre mir neu.
Benutzeravatar
Vollbreit
 
Beiträge: 2413
Registriert: Mi 30. Nov 2011, 11:48

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon blauregen » So 29. Jul 2012, 22:24

Vollbreit hat geschrieben:Und wenn mal ein selbstbewusster und wortgewandter Gläubiger kommt, der nicht gleich beim Anblick einer Statistik oder beim ersten „Bu“ einnässt, dann ist das gleich ein Bösewicht, der nicht diskutieren will?


Nunja, was ich an Argumenten ausmachen konnte,nämlich dass die Beschneidung ( für ihn ) nicht traumatisch war, und dass staatliche Einmischung in dieser Angelegenheit den Sozialfrieden stören würde, machte im Vergleich zur Polemik einen recht geringen Anteil des Textes aus. Und zumindest ich fand die Polemik nicht sonderlich originell.

In der Beschneidungsdebatte dachte ich eigentlich bei beiden Seiten, sowohl bei den '70-90% Empfindungsverlust und lebenslange Traumatisierung'-Leuten, als auch bei den 'geweckten Assoziationen an den Holocaust', dass der Eine oder Andere wohl doch einen Clown zuviel gefrühstückt hat. Aber Leiden ist bekanntermassen subjektiv, also kann ich nicht ausschliessen dass die Leute tatsächlich so fühlen. Mein Beileid in dem Fall.

Vollbreit hat geschrieben:Was erwartet ihr? Einen Kotau aller Gläubigen, verbunden mit dem Dank, dass ihr ihnen die Welt erklärt? Die Geste, die von vielen Brights ausgeht, bis hinauf in die Spitze der Organisation ist – und hier muss ich Dich, Nanna, ausdrücklich ausnehmen –, ist Arroganz, gepaart mit der Bekundung an einer Diskussion absolut kein Interesse zu haben.


Die Brights sind, wie die verschiedenen Religionen, eine Weltanschaungsgemeinschaft und da ist es ziemlich normal, dass zum Zwecke der Demarkation und zur Stärkung der Gruppenidentität, die konkurrierenden Gruppen lächerlich gemacht und verhöhnt werden. Nichts anderes tut der Autor in deinem Link auch. Ich bin eher verwundert dass ich kaum Atheistenwitze sehe, aber es ist möglich dass ich die meisten nicht als solche erkenne. Ich finde auch viele Schwulenwitze nur bedingt lustig. Falls hier ein(e) Religionsgläubige(r) ist, der ein paar gute Atheisten- oder Naturalistenwitze kennt, würde ich sie gerne hören.

Vollbreit hat geschrieben:Wie um alles in der Welt soll ein Gläubiger darauf reagieren, wenn ich mit Verstörung und Abneigung? Da sitzen ein paar Leute rum, die sich über das beömmeln, was anderen heilig ist.
Damit nicht genug, beömmeln sie sich auch noch über die Leute denen das heilig ist.

Was genau soll der Durchschnittschrist oder der Durchschnittsmoslem oder der Durchschnittsjude denn eurer Meinung nach tun?


Ich kann nur sagen was ich in solchen Fällen mache wenn mir keine gute Retourkutsche einfällt. Einatmen, lächeln, und schauen ob unter dem Geblödel auch ein Argument zu finden ist.

Wenn es für den Betreffenden emotional befriedigender ist sich öffentlich aufzuregen, kann er das, im Rahmen der geltenden Gestze, auch tun.
blauregen
 
Beiträge: 57
Registriert: Mi 8. Apr 2009, 02:35

VorherigeNächste

Zurück zu Gesellschaft & Politik

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 3 Gäste