Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon stine » So 15. Jul 2012, 13:27

Was hätte ein Dissident jetzt auch noch anderes schreiben können?
Erklär doch mal, warum ein beschnittener Mann mehr vor einer HIV Infektion geschützt sein soll, als wie ein unbeschnittener?
Und die amerikanische Automation finde ich auch nicht besser. Das wäre ja so, als ob der Mann von Geburt an fehlerhaft konstruiert wäre, oder wie jetzt?

=) stine
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Dissidenkt » So 15. Jul 2012, 13:44

Nanna hat geschrieben:...und weide dich in deiner Selbstgerechtigkeit.


So wie die, die sich hier als Humanisten fühlen, weil sie anderen Vorschreiben können, was sie zu tun und zu lassen haben?
Da möchte ich mich nicht einreihern.

Atheismus bedeutet für mich nicht, den Glauben zu Verteufeln, dann wäre ich ja nicht besser, als die fundamentalistischsten Gläubigen.
Gerade das ist aber unter Atheisten ziemlich Mode, speist sich aus Überheblichkeit und dient der Selbstvergewisserung. Sowas brauche ich nicht.
Ein reflektierter Ungläubiger weiss um die Kraft und historische Bedeutung der Religionen im Schlechten, wie auch im Guten.
Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich weltweit über Jahrhunderte als der mächtigste Stabilisator überhaupt herausgebildet hat, mal so eben zu verdammen, zeugt von mangelnder Demut und mangelndem Respekt.

Ich für meinen Teil respektiere jedenfalls durchaus religiöse Traditionen und sehe als Aufgabe der jeweiligen Gemeinschaft an, sich ihre Regeln selbst zu geben. Schliesslich erwarte ich den gleichen Respekt.

Da aber auch du nicht sagen kannst, ob ein beliebiger Erwachsener direkt nach der Geburt aus religiösen oder medizinischen Gründen beschnitten wurde, kannst du kaum die eine Handlung als wünschenswert und die andere als verachtenswert beurteilen.



stine hat geschrieben:Erklär doch mal, warum ein beschnittener Mann mehr vor einer HIV Infektion geschützt sein soll, als wie ein unbeschnittener?
Und die amerikanische Automation finde ich auch nicht besser. Das wäre ja so, als ob der Mann von Geburt an fehlerhaft konstruiert wäre, oder wie jetzt?

=) stine



Die WHO hat diesbezüglich Studien durchgeführt. Die beziehen sich natürlich auf afrikanische Länder, in denen es mit der Hygiene nicht so gut bestellt ist wie bei uns - zur Zeit! Dass sich das bei uns mit der Hygiene schlagartig ändern kann, muss ich doch nicht darlegen?
Der Hygieneaspekt dürfte ursprünglich auch der Grund gewesen sein, warum die Vorhaut überhaupt beschnitten wurde und diese Handlung wurde - so vermute ich es mal - erst später kultisch-religiös übernommen und überformt.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon stine » So 15. Jul 2012, 14:14

Dissidenkt hat geschrieben:Atheismus bedeutet für mich nicht, den Glauben zu Verteufeln, dann wäre ich ja nicht besser, als die fundamentalistischsten Gläubigen. (...) Ein reflektierter Ungläubiger weiss um die Kraft und historische Bedeutung der Religionen im Schlechten, wie auch im Guten.
Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich weltweit über Jahrhunderte als der mächtigste Stabilisator überhaupt herausgebildet hat, mal so eben zu verdammen, zeugt von mangelnder Demut und mangelndem Respekt.

Ja da schau her! Man muss es nur abwarten können und schon gehen den anderen auch noch ein paar Lichter auf. ich scheine ja hier im Forum inzwischen gar kein Exot mehr zu sein.

LG stine
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 15. Jul 2012, 14:44

Dissidenkt hat geschrieben:Atheismus bedeutet für mich nicht, den Glauben zu Verteufeln, dann wäre ich ja nicht besser, als die fundamentalistischsten Gläubigen.

Wir sind hier überraschenderweise auf einer Linie. Allerdings geht es, zumindest mir, im Beschneidungsfall nicht um den Glauben - den das kleine Kind entwicklungspyschologisch ja auch noch gar nicht haben kann.

Dissidenkt hat geschrieben:Der Hygieneaspekt dürfte ursprünglich auch der Grund gewesen sein, warum die Vorhaut überhaupt beschnitten wurde und diese Handlung wurde - so vermute ich es mal - erst später kultisch-religiös übernommen und überformt.

Ich würde die Studien gern mal sehen, denn so ganz kann ich mir das nicht vorstellen, dass die Entfernung der Schutzhaut eines sehr empfindlichen Körperteils so vorteilhaft sein soll. Aber ich schaue mir die Studien gern mal an.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Lumen » So 15. Jul 2012, 14:48

Entweder sprechen die Argumente für Beschneidung oder dagegen.

Zunächst gibt es die grundlegende Situation, dass ein Kind bestimmte Rechte besitzt. Diese können nicht beliebig aufgehoben oder buchstäblich beschnitten werden. Das bedeutet konkret, dass ein Vorhaben sich erklären muss. Der Schritt wird, glaube ich, von Religiösen übersehen, die von der Warte aus argumentieren, dass Beschneidung "widerlegt" werden müsse. Das ist ein allgemeines Problem mit Religiosität und ihrem historisch gewachsenem Selbstverständnis.

Die Fragestellung wird dann, inwiefern Eltern "im Sinne" der Kinder handeln dürfen. Gibt es medizinische Gründe, dann dürfen (oder müssen) Eltern entsprechende Maßnahmen einleiten. Medizinische Gründe stehen bei der Beschneidung offenkundig keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Sollte es gute medizinische Gründe geben, sollte Eltern allgemein empfohlen werden, eine Beschneidung vornehmen zu lassen. Davon ist nichts zu sehen.

Da die Beschneidung neben möglichen Vorzügen auch mögliche Nachteile birgt, unter anderem was Sexualität angeht, kann man eine Beschneidung zunächst nicht ungeprüft durchgehen lassen. Das ist deswegen ein anderes Kaliber als Ohrringe stechen lassen.

Die Abwägung wird immer ein "bias" enthalten: weltliche Menschen werden mögliche Nachteile in Sachen Sexualität immer höher bewerten als Nachteile im religiösen Sinne. Die betroffenen Religionen wiederum haben traditionell ein unentspanntes Verhältnis zu Sexualität und würden religiöse Nachteile eher höher bewerten. Kulturalisten würden sich auf das Bestimmungsrecht der Kultur beziehen, und Toleranz dafür einfordern.

Wenn ich dem so annähere wird für mich ein Stellvertreterkrieg deutlich, der sich um die Frage dreht, was eigentlich der normale, neutrale Boden ist. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mit einer Theologin darüber debattiert, ob in Schulen Religionsunterricht gelehrt werden sollte. Sie war der Ansicht, dass ein "neutraler" also sekulärer Werte-Unterricht sozusagen "Atheisten-Unterricht" ist. So wie auch anderer Stelle durchkam, dass Wissenschaften z.B. ein atheistisches Projekt seien (was nicht stimmt). Das heißt, das eigentlich "neutrale", also sekuläre wird von vielen religiösen Menschen als "gegen" ihre Religion gerichtet empfunden, weshalb sie allgemein ein gesteigertes Interesse daran haben, möglichst alles geschlossen und parallel anzubieten (je religiöser, je stärker die Tendenz dazu). Leute, die an religiöser Beschneidung Interesse haben, sind eher stärker religiöse Menschen, die, so meine Vermutung, auch sicherstellen werden, dass die religiöse "Kühlkette" bei Erziehung, Hochzeit und darüber hinaus geschlossen bleibt.

Dies steht nicht im Einklang mit den Menschenrechten und sehe ich als Ausdruck von Kulturalismus. Der neutrale Boden ist ein Mensch der ohne Religion auf die Welt kommt und sich in dieser selbst orientieren können muss, und dessen Unversehrtheit ein grundlegendes Recht darstellt. Da die Religionisten keine guten Gründe anführen können, warum die Eltern "im Sinne" des Kindes handeln, wenn sie eine Beschneidung vornehmen, beziehungsweise alle Gründe auf religiösen Hokus-Pokus aufbauen, für den es noch nie irgendeinen Nachweis gab, muss die Beschneidung aus rein religiösen Motiven heraus abgelehnt werden.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Lumen » So 15. Jul 2012, 15:02

Nanna hat geschrieben:
Dissidenkt hat geschrieben:Atheismus bedeutet für mich nicht, den Glauben zu Verteufeln, dann wäre ich ja nicht besser, als die fundamentalistischsten Gläubigen.

Wir sind hier überraschenderweise auf einer Linie. Allerdings geht es, zumindest mir, im Beschneidungsfall nicht um den Glauben - den das kleine Kind entwicklungspyschologisch ja auch noch gar nicht haben kann


Wenn Religion eine Frisur haben bedeutet, dann ist Atheismus eine Glatze haben. Wenn Christen eine Zigarettenmarke rauchen und Juden eine andere, dann ist Atheismus Nicht-Raucher zu sein. Wenn Religion ein Hobby wie Briefmarken-Sammeln ist, dann sind Atheisten keine Briefmarken-Sammler. Nicht mehr und nicht weniger. Atheismus ist also das nicht-vorhandensein einer religiösen (theistischen) Sichtweise, was erstmal überhaupt nichts weiter aussagt. Glauben zu "verteufeln" korreliert aber logischerweise mit Atheist sein, denn ein Gläubiger wird den Glauben an sich wohl kaum verteufeln.

Davon abgesehen ist Glaube eine Haltung, die Glauben (und Gehorsam!) durch unbeweisbare und unbewiesenen Behauptungen propagiert. Damit kann man sehr wohl prinzipiell ein Problem haben.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 15. Jul 2012, 15:06

Nanna hat geschrieben:Ich würde die Studien gern mal sehen, denn so ganz kann ich mir das nicht vorstellen, dass die Entfernung der Schutzhaut eines sehr empfindlichen Körperteils so vorteilhaft sein soll. Aber ich schaue mir die Studien gern mal an.


Hier mal der Link zu zwei Reviews, die das Thema ganz gut umreißen. Vorteile gibt es, die sind aber marginal.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/10195035
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1717326/pdf/v077p00258.pdf
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Re: Vermutlich bin ich der einzige Ungläubige

Beitragvon Darth Nefarius » So 15. Jul 2012, 15:23

Dissidenkt hat geschrieben:Zur Klarstellung:
Laut WHO ist die Beschneidung ein empfehlenswerter medizinisch-hygienischer Eingriff, der unter anderem zur HIV-Prophylaxe und der Verbreitung anderer Krankheiten beitragen kann. In den USA wird die große Mehrheit der Neugeborenen routinemäßig beschnitten. Von einer Körperverletzung zu sprechen ist also reine Demagogie.

Das ist keine Demagogie, weil es um einen nicht notwendigen Eingriff handelt. Die WHO empfiehlt diesen Eingriff keineswegs für Kleinkinder, wo die Vorhaut teilweise noch mit der Eichel verklebt ist. Letztlich geht es um Geschlechtskrankheiten und Kleinkinder laufen nicht Gefahr, diese zu verbreiten. Es empfiehlt sich nicht die halbe Wahrheit aufzudecken, du spielst mit der WHO den Gegnern der religiösen Beschneidung in die Hände. Dein Hass gegenüber denjenigen, die die Beschneidung nur an unmündigen Kleinkindern verbieten wollen, ist wiedereinmal das, was du selbst behauptest abzulehnen (Hass an Andersdenkenden). Du argumentierst nicht besser als die religiösen Vertreter, die meinen:"Wir haben das immer schon getan, die Deutschen können uns erst recht nichts und Glaubensfreiheit über alles, auch das Wohl des Kindes!"
stine hat geschrieben:Und die amerikanische Automation finde ich auch nicht besser. Das wäre ja so, als ob der Mann von Geburt an fehlerhaft konstruiert wäre, oder wie jetzt?

Dazu übrigens eine Anakdote: Diese Tradition wurd ursprünglich von einem Scharlatan empfohlen, in sehr frühen Jahren, als man dachte, jeder Einwanderer bringe die Pest.
Dissidenkt hat geschrieben:So wie die, die sich hier als Humanisten fühlen, weil sie anderen Vorschreiben können, was sie zu tun und zu lassen haben?
Da möchte ich mich nicht einreihern.

Nein, du bist für Willkür und Chaos, das haben wir schon verstanden. Jemandem etwas vorzuschreiben ist völlig logisch, wenn er anderen schaden zufügen kann oder will. Gesetze sind nicht bindend, aber sie resultieren aus logischen Vermeidungsreaktionen, die den einzelnen einschränken, um eine gewisse lebensqualität und Sicherheit zu ermöglichen. Die hier angestrebte lebensqualität ist die Unversehrtheit des Kindes, das Vermeiden von Traumata. Und so ziemlich jeder Beführworter dieses Verbots sagt zusatzlich, dass die Beschneidung gerne in einem mündigen, geschlechtsreifen Alter freiwillig vollzogen werden kann. Das geht nur nicht in die Schädel mancher Leute, und bei den Juden ist das aus terminlichen Gründen nicht möglich (8er Tag, bla).
Dissidenkt hat geschrieben:Atheismus bedeutet für mich nicht, den Glauben zu Verteufeln, dann wäre ich ja nicht besser, als die fundamentalistischsten Gläubigen.

Abgesehen davon, dass diese Geschichte nun wirklich nichts mit der Verteufelung des Glaubens zu tun hat, ist das nicht der Unterschied. Der Unterschied besteht in der Art und Weise des Denkens: Die einen versuchen Fakten nach Beobachtungen zu schaffen, die anderen nach ihren Wünschen, die sie nicht durchdenken.
Dissidenkt hat geschrieben:Ein reflektierter Ungläubiger weiss um die Kraft und historische Bedeutung der Religionen im Schlechten, wie auch im Guten.

Und er sah, dass es nicht gut war. :grandpa:
Dissidenkt hat geschrieben:Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich weltweit über Jahrhunderte als der mächtigste Stabilisator überhaupt herausgebildet hat, mal so eben zu verdammen, zeugt von mangelnder Demut und mangelndem Respekt.

Absolutismus hat auch ziemlich lange angedauert, die Demokratieform, wie du sie verteufelst, existiert auch schon lange. Dein Argument ist also, weil es alt ist, ist es zu erhalten? Religion ist kein Stabilisator, sondern ein Katalysator für Konflikte, auch heute noch. Demut kommt von Demütigung, ein Konzept der gesitigen Selbstgeißelung, Kleinmachung, weil man als Mensch nichts wert ist (sondern nur Gott). Etwas, das gut und gerne zur Hölle fahren kann. Respekt kann nur ein Mensch von mir erlangen, keine Ideologie.
Dissidenkt hat geschrieben:Schliesslich erwarte ich den gleichen Respekt.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit geht nicht auf, schon aus praktischen Gründen (Chaostheorie). Und auch gesellschaftlich nicht zu empfehlen: Soll ein Vergewaltiger vergewaltigt, ein Mörder getötet oder ein Dieb enteignet werden? Auge um Auge, Zahn um Zahn ist wieder eine religiöse Ideologie, die demütigt und Chaos verursacht, kein erhaltenswertes Recht.
Dissidenkt hat geschrieben:Da aber auch du nicht sagen kannst, ob ein beliebiger Erwachsener direkt nach der Geburt aus religiösen oder medizinischen Gründen beschnitten wurde, kannst du kaum die eine Handlung als wünschenswert und die andere als verachtenswert beurteilen.

1. Ich nicht, aber der Arzt, in dessen Verantwortung das liegt.
2. ist so eine medizinische Beschneidung nach der Geburt sehr selten.

Zu der Haltung orthodoxer Juden wollte ich noch was anmerken: Zuletzt (wieder in einer Talkshow, anders tue ich mir dieses für mich unbedeutende Thema nicht an, vielleicht noch hier) fragte ein orthodoxer Jude, ob er jemanden fragen müsse, wenn er ihm ein Geschenk machen wolle. Darauf sagte der Anwalt ja. Der Orthodoxe meinte, das wäre in seinem Kulturkreis anders, er betrachte die Beschneidung als größtes Geschenk, das gemacht werden kann. Wie wärs, wenn wir jedem die Ohren abschneiden, weil wir es für ein Geschenk halten? Ich sehe in diesem Denken ein fundamentales Problem, das äußerst mittelalterlich ist und an die "Geschenke" der Inqisitoren an die "Hexen" erinnert, die durch deren Verbrennung "gereinigt" wurden.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Nanna » So 15. Jul 2012, 15:59


Hab's nur kurz überflogen und finde die Erwiderung von Rowena Hitchcock, die die genannten Zahlen ziemlich stark relativiert, in der Sache deutlich angemessener:
Rowena Hitchcock hat geschrieben:The practice of medicine in Europe is far less invasive than in the US and medical intervention, particularly irreversible mutilating surgery, is avoided unless there is a proved medical benefit. [...] I find Marshall’s argument at a meeting of the Society for Paediatric Urology, that one would have to perform 140 circumcisions a week, for 25 years, to preventone case of carcinoma of the penis, enough to prevent me from setting out on such a course. [...] This supports the conclusion that neonatal circumcision is a social ritual with a grain of medical origin, and aligns with the recent guidelines of the Canadian Paediatric Society, that ‘circumcision of newborns should not be routinely performed’.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Myron » So 15. Jul 2012, 16:48

Höchst empfehlenswert:

* Gollaher, David. Das verletzte Geschlecht: Die Geschichte der Beschneidung. Berlin: Aufbau, 2002.

Englisches Original:

* Gollaher, David L. Circumcision: A History of the World's Most Controversial Surgery. New York: Basic Books, 2000.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon mat-in » So 15. Jul 2012, 17:37

Statement der deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie:
http://www.dgkic.de/index.php/presse/18 ... -juli-2012
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Myron » So 15. Jul 2012, 18:23

All die üblichen Einwände gegen die Gegner der Knabenbeschneidung:

bingo.gif


Quelle: http://24.media.tumblr.com/tumblr_lr2vz ... 1_1280.gif
Du hast keine ausreichende Berechtigung, um die Dateianhänge dieses Beitrags anzusehen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » So 15. Jul 2012, 18:24

Der Zusatz beim Statement war wohl unvermeidbar: "... hat nichts mit religiöser Intoleranz, sondern medizinischer Ethik zu tun.",- oder so ähnlich. Diese Einschätzung wird ihnen trotzdem um die Ohren fliegen, was ich sehr schade finde. Im Ganzen kann ich noch nicht beurteilen (wenn auch meine Haltung dazu klar ist), ob sich das bundesweit durchsetzen wird, oder durch irgendein Gesetz, dass hinsichtlich der Unversehrtheit des Kindes versus Religionsfreiheit zum letzteren tendiert, kassiert wird. Die Argumente sind zwar klar, aber manche Menschen sind einfach nicht für bestimmte Argumentationen zugängig.
Die Bingo-Karte ist gut :lachtot: , das drucke ich mir vielleicht aus. Vor allem:"Hygiene..mumble, mumble." :lachtot:
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Dissidenkt » So 15. Jul 2012, 18:32

mat-in hat geschrieben:Statement der deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie:
http://www.dgkic.de/index.php/presse/18 ... -juli-2012


"„Wenn Eltern mit ihren 14 oder 16-Jährigen Söhnen zu mir kommen und auch der Jugendliche die Zirkumzision will, dann habe ich überhaupt nichts dagegen“, erklärt er im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten."
„wir-wollen-keine-religionsgemeinschaften-diskriminieren“

Wer so argumentiert, richtet auch einer 14-jährigen die Brüste, wenn er dafür bezahlt wird.
Dabei ist eine Beschneidung in diesem Alter eine ziemlich unangenehme, kompliziertere und langwierige Geschichte, die ich damals bei einem Klassenkameraden miterleben konnte. Mehrere Wochen aus der Schule, Schmerzen, Hänseleien. Das ist genau der falsche Weg.
Wenn die Eltern bei der Geburt oder kurz danach eine Beschneidung wünschen, soll man sie halt vornehmen. Ob die jetzt religiös oder medizinisch indiziert ist, spielt überhaupt keine Rolle.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 15. Jul 2012, 18:32

Nanna hat geschrieben: ... finde die Erwiderung von Rowena Hitchcock, die die genannten Zahlen ziemlich stark relativiert, in der Sache deutlich angemessener ...


War nur ein Literaturservice, ich kenne die Zahlen und meine Vorhaut ist noch da wo sie hingehört :mg:
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Darth Nefarius » So 15. Jul 2012, 19:00

Dissidenkt hat geschrieben:"„Wenn Eltern mit ihren 14 oder 16-Jährigen Söhnen zu mir kommen und auch der Jugendliche die Zirkumzision will, dann habe ich überhaupt nichts dagegen“, erklärt er im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten."
[url]www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de/2012/06/455911/„wir-wollen-keine-religionsgemeinschaften-diskriminieren“[/url]

Wer so argumentiert, richtet auch einer 14-jährigen die Brüste, wenn er dafür bezahlt wird.

Was für ein Unfug. Abgesehen davon hängt alles von der Einschätzung der Psyche ab, das ist keineswegs falsch, zumindest besser, als den Eltern diese Entscheidung zu überlassen, wenn sie noch ein Kleinkind wäre. Du vergleichst Äpfel mit Birnen (oder Bananen mit Melonen, um etwas analoger zu werden. :mg: )
Dabei ist eine Beschneidung in diesem Alter eine ziemlich unangenehme, kompliziertere und langwierige Geschichte, die ich damals bei einem Klassenkameraden miterleben konnte. Mehrere Wochen aus der Schule, Schmerzen, Hänseleien.

Wenn jemand hänseln will, wird er es tun, ob er nun mit 8 Tagen oder mit 14 jahren beschnitten wurde. Und das ist auch nicht das einzige Alter, das genannt wird: 5-6 jahre (also vor der Einschulung) ist auch im Gespräch, obwohl da natürlich auch keine Reife vorhanden sein kann. Trotzdem kann das Kind schonmal "ja" oder "nein" sagen.
Dissidenkt hat geschrieben:Wenn die Eltern bei der Geburt oder kurz danach eine Beschneidung wünschen, soll man sie halt vornehmen. Ob die jetzt religiös oder medizinisch indiziert ist, spielt überhaupt keine Rolle.

Es geht ja nicht darum, die religiöse Beschneidung zu verbieten, sondern die Beschneidung von Kleinkindern. Du ignorierst alle Argumente und tust so, als ob du das korrekt entscheiden könntest: "...dann soll man das machen." Was gegen dieses Alter spricht, ist der mangelnde Nutzen in diesem Alter (Impfungen nützen ja schon in diesem Alter, eine Beschneidung nicht, weil das Kind wohl keinen Geschlechtsverkehr haben wird), die Entmündigung, und schließlich der mögliche Traumaschmerz des Kindes. Es heißt ja, sie würden sich daran nicht erinnern, aber es wird oft von einem Schmerzgedächtnis geredet, das Traumata auslösen kann.
Zappa hat geschrieben:...ich kenne die Zahlen und meine Vorhaut ist noch da wo sie hingehört

Äh, ja. Gut zu wissen.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Myron » So 15. Jul 2012, 19:05

Dissidenkt hat geschrieben:
stine hat geschrieben:Erklär doch mal, warum ein beschnittener Mann mehr vor einer HIV Infektion geschützt sein soll, als wie ein unbeschnittener?
Die WHO hat diesbezüglich Studien durchgeführt. Die beziehen sich natürlich auf afrikanische Länder, in denen es mit der Hygiene nicht so gut bestellt ist wie bei uns - zur Zeit!


Was die Beschneidungsbefürworter, die sich auf die WHO-Studien berufen, meistens verschweigen ist Folgendes:

"Male circumcision should be part of a comprehensive HIV prevention package:

Male circumcision should always be considered as part of a comprehensive HIV prevention package, which includes the provision of HIV testing and counselling services; treatment for sexually transmitted infections; the promotion of safer sex practices; and the provision of male and female condoms and promotion of their correct and consistent use.

Counselling of men and their sexual partners is necessary to prevent them from developing a false sense of security and engaging in high-risk behaviours that could undermine the partial protection provided by male circumcision. Furthermore, male circumcision service provision was seen as a major opportunity to address the frequently neglected sexual health needs of men.

“Being able to recommend an additional HIV prevention method is a significant step towards getting ahead of this epidemic,” said Catherine Hankins, Associate Director, Department of Policy, Evidence and Partnerships at UNAIDS. “However, we must be clear: male circumcision does not provide complete protection against HIV. Men and women who consider male circumcision as an HIV preventive method must continue to use other forms of protection such as male and female condoms, delaying sexual debut and reducing the number of sexual partners.”


http://www.who.int/hiv/mediacentre/news68/en/

Das heißt, die Beschneidung allein bewirkt herzlich wenig. Sie mag nur dann einen gewissen Nutzen im Kampf gegen AIDS bringen, wenn sie Teil einer umfassenden Gesundheitsvorsorge ist: sexuelle Aufklärung, Safer Sex (Kondomgebrauch), Verschieben des Zeitpunktes des ersten Geschlechtsverkehrs, Verringerung der Zahl der Sexualpartner, Partnertreue, Hygiene, Verbesserung der medizinischen Versorgung der Bevölkerung.

Absurd ist es allerdings, wenn behauptet wird, die afrikanischen AIDS-Studien der WHO lieferten ein Argument für die Beschneidung sexuell inaktiver Säuglinge und Kinder.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Myron » So 15. Jul 2012, 19:14

Dissidenkt hat geschrieben:"„Wenn Eltern mit ihren 14 oder 16-Jährigen Söhnen zu mir kommen und auch der Jugendliche die Zirkumzision will, dann habe ich überhaupt nichts dagegen“, erklärt er im Gespräch mit den Deutsch Türkischen Nachrichten."
„wir-wollen-keine-religionsgemeinschaften-diskriminieren“


Angesichts des enormen soziokulturellen Drucks, der auf die Kinder orthodoxer jüdischer oder moslemischer Eltern innerhalb ihres familiären Umfeldes ausgeübt wird, kann von wirklicher Freiwilligkeit wohl nur selten die Rede sein.

Dissidenkt hat geschrieben:Wenn die Eltern bei der Geburt oder kurz danach eine Beschneidung wünschen, soll man sie halt vornehmen. Ob die jetzt religiös oder medizinisch indiziert ist, spielt überhaupt keine Rolle.


"Halt"??? – Wir reden hier nicht vom Haareschneiden!
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Vollbreit » So 15. Jul 2012, 19:16

Danke, Myron.

Ist schon der Hammer, ein Skeptiker Forum in dem man glaubt, Beschneidungen schützeten vor HIV, da sind UFOs direkt rational.
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Re: Beschneidung zu religiösen Zwecken und die Politik

Beitragvon Zappa » So 15. Jul 2012, 19:45

Vollbreit hat geschrieben:
Ist schon der Hammer, ein Skeptiker Forum in dem man glaubt, Beschneidungen schützeten vor HIV, da sind UFOs direkt rational.


Ja ist schon ein Hammer, wenn in einem solchen Forum mit "glauben" argumentiert wird.

Die von mir verlinkten Studien gelesen/verstanden? Wenn ja irgendwelchen Erklärungsbedarf?
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