Dissidenkt hat geschrieben:Zur Klarstellung:
Laut WHO ist die Beschneidung ein empfehlenswerter medizinisch-hygienischer Eingriff, der unter anderem zur HIV-Prophylaxe und der Verbreitung anderer Krankheiten beitragen kann. In den USA wird die große Mehrheit der Neugeborenen routinemäßig beschnitten. Von einer Körperverletzung zu sprechen ist also reine Demagogie.
Das ist keine Demagogie, weil es um einen nicht notwendigen Eingriff handelt. Die WHO empfiehlt diesen Eingriff keineswegs für Kleinkinder, wo die Vorhaut teilweise noch mit der Eichel verklebt ist. Letztlich geht es um Geschlechtskrankheiten und Kleinkinder laufen nicht Gefahr, diese zu verbreiten. Es empfiehlt sich nicht die halbe Wahrheit aufzudecken, du spielst mit der WHO den Gegnern der religiösen Beschneidung in die Hände. Dein Hass gegenüber denjenigen, die die Beschneidung nur an unmündigen Kleinkindern verbieten wollen, ist wiedereinmal das, was du selbst behauptest abzulehnen (Hass an Andersdenkenden). Du argumentierst nicht besser als die religiösen Vertreter, die meinen:"Wir haben das immer schon getan, die Deutschen können uns erst recht nichts und Glaubensfreiheit über alles, auch das Wohl des Kindes!"
stine hat geschrieben:Und die amerikanische Automation finde ich auch nicht besser. Das wäre ja so, als ob der Mann von Geburt an fehlerhaft konstruiert wäre, oder wie jetzt?
Dazu übrigens eine Anakdote: Diese Tradition wurd ursprünglich von einem Scharlatan empfohlen, in sehr frühen Jahren, als man dachte, jeder Einwanderer bringe die Pest.
Dissidenkt hat geschrieben:So wie die, die sich hier als Humanisten fühlen, weil sie anderen Vorschreiben können, was sie zu tun und zu lassen haben?
Da möchte ich mich nicht einreihern.
Nein, du bist für Willkür und Chaos, das haben wir schon verstanden. Jemandem etwas vorzuschreiben ist völlig logisch, wenn er anderen schaden zufügen kann oder will. Gesetze sind nicht bindend, aber sie resultieren aus logischen Vermeidungsreaktionen, die den einzelnen einschränken, um eine gewisse lebensqualität und Sicherheit zu ermöglichen. Die hier angestrebte lebensqualität ist die Unversehrtheit des Kindes, das Vermeiden von Traumata. Und so ziemlich jeder Beführworter dieses Verbots sagt zusatzlich, dass die Beschneidung gerne in einem mündigen, geschlechtsreifen Alter freiwillig vollzogen werden kann. Das geht nur nicht in die Schädel mancher Leute, und bei den Juden ist das aus terminlichen Gründen nicht möglich (8er Tag, bla).
Dissidenkt hat geschrieben:Atheismus bedeutet für mich nicht, den Glauben zu Verteufeln, dann wäre ich ja nicht besser, als die fundamentalistischsten Gläubigen.
Abgesehen davon, dass diese Geschichte nun wirklich nichts mit der Verteufelung des Glaubens zu tun hat, ist das nicht der Unterschied. Der Unterschied besteht in der Art und Weise des Denkens: Die einen versuchen Fakten nach Beobachtungen zu schaffen, die anderen nach ihren Wünschen, die sie nicht durchdenken.
Dissidenkt hat geschrieben:Ein reflektierter Ungläubiger weiss um die Kraft und historische Bedeutung der Religionen im Schlechten, wie auch im Guten.
Und er sah, dass es nicht gut war.
Dissidenkt hat geschrieben:Ein gesellschaftliches Phänomen, das sich weltweit über Jahrhunderte als der mächtigste Stabilisator überhaupt herausgebildet hat, mal so eben zu verdammen, zeugt von mangelnder Demut und mangelndem Respekt.
Absolutismus hat auch ziemlich lange angedauert, die Demokratieform, wie du sie verteufelst, existiert auch schon lange. Dein Argument ist also, weil es alt ist, ist es zu erhalten? Religion ist kein Stabilisator, sondern ein Katalysator für Konflikte, auch heute noch. Demut kommt von Demütigung, ein Konzept der gesitigen Selbstgeißelung, Kleinmachung, weil man als Mensch nichts wert ist (sondern nur Gott). Etwas, das gut und gerne zur Hölle fahren kann. Respekt kann nur ein Mensch von mir erlangen, keine Ideologie.
Dissidenkt hat geschrieben:Schliesslich erwarte ich den gleichen Respekt.
Das Prinzip der Gegenseitigkeit geht nicht auf, schon aus praktischen Gründen (Chaostheorie). Und auch gesellschaftlich nicht zu empfehlen: Soll ein Vergewaltiger vergewaltigt, ein Mörder getötet oder ein Dieb enteignet werden? Auge um Auge, Zahn um Zahn ist wieder eine religiöse Ideologie, die demütigt und Chaos verursacht, kein erhaltenswertes Recht.
Dissidenkt hat geschrieben:Da aber auch du nicht sagen kannst, ob ein beliebiger Erwachsener direkt nach der Geburt aus religiösen oder medizinischen Gründen beschnitten wurde, kannst du kaum die eine Handlung als wünschenswert und die andere als verachtenswert beurteilen.
1. Ich nicht, aber der Arzt, in dessen Verantwortung das liegt.
2. ist so eine medizinische Beschneidung nach der Geburt sehr selten.
Zu der Haltung orthodoxer Juden wollte ich noch was anmerken: Zuletzt (wieder in einer Talkshow, anders tue ich mir dieses für mich unbedeutende Thema nicht an, vielleicht noch hier) fragte ein orthodoxer Jude, ob er jemanden fragen müsse, wenn er ihm ein Geschenk machen wolle. Darauf sagte der Anwalt ja. Der Orthodoxe meinte, das wäre in seinem Kulturkreis anders, er betrachte die Beschneidung als größtes Geschenk, das gemacht werden kann. Wie wärs, wenn wir jedem die Ohren abschneiden, weil wir es für ein Geschenk halten? Ich sehe in diesem Denken ein fundamentales Problem, das äußerst mittelalterlich ist und an die "Geschenke" der Inqisitoren an die "Hexen" erinnert, die durch deren Verbrennung "gereinigt" wurden.