Lumen hat geschrieben: Aber so zu tun, als baue das einzig auf reißerischen Schlagzeilen und Anekdoten auf (wie dein Priester suggerieren soll), ist eben nicht angemessen, wenn du mehrere Beispiele zum Topic serviert bekommen hast.
Ach komm, wenn ich Dir 100 Geschichten über Medizinskandale raussuche macht das meine Einstellung auch nicht objektiver, ich bin dann eher einer, der sich nur auf die Skandale fokussiert.
Ist ja auch in Ordnung, wenn Du sagst, dass Du aufmerksam machen willst, auf Missstände in der Religion im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen.
Aber hier, wo doch Religionsskepsis der gemeinsame Nenner ist, was sogar die Nichtbrights des Forums allesamt wissen?
Lumen hat geschrieben:Atta und Breivik sind, soweit ich weiß, keine "unfairen" Beispiele und ich habe sie auch nicht so verkauft.
Das habe ich auch nicht behauptet, sie sind nur selektiv, weil sie sich wie ungefähr alle Deine Beispiele zum Thema Religion um Rache, Terror, Gewalt, Folter, Pädophilie und dergleichen drehen.
Atta ist vermutlich ein Beispiel für einen religiös motivierten Terroristen (ich schreibe vermutlich, weil mir über Atta nichts Näheres bekannt ist), bei Breivik würde ich das so nicht behaupten, aber nicht weil er Christ ist, sondern, weil er sich einer kruden Mischung aus Christentum, Ariertum, Rechtsextremismus und anderen verschrobenen Ideen bedient (er hat sich m.W. auch auf Rorty bezogen).
Da ich Breivik für einen malignen Narzissten halte, würde ich im die grundsätzliche Fähigkeit zur Religiosität absprechen. (Ich würde das auf Nachfrage auch begründen können, weiß aber nicht, ob das irgendjemanden interessiert, darum stelle ich das erstmal nur so in den Raum.)
Lumen hat geschrieben:Weltbilder von Himmel und Hölle sind —ehrlicher Wissenstand meinerseits und durch Gallup belegbar— in den USA sehr verbreitet, und wir können hier nicht so tun, als seien das niederträchtige Unterstellungen was Christen allgemein angeht.
Wir haben an dieser Stelle keinen Dissens, denn ich bin vollkommen überzeugt, dass es viele Christen gibt, die tatsächlich nicht metaphorisch gemeinte Weltbilder von Himmel und Hölle haben, einige buchstäblich, andere vermutlich mit einer Restangst, ob es da nicht doch so etwas geben könnte.
Es wird diese Christen nicht nur in Amerika geben sondern mit größter Sicherheit auch bei uns, wer wollte das bestreiten?
Lumen hat geschrieben:Auch ehrliche gemeinte Überzeugungen über Gott und sein Richten sehe ich nicht als überzogen oder falsch dargestellt an. Wo konkret?
Ich weiß jetzt nicht was Du ganz genau meinst, aber ich kann Dir auch hier zustimmen, dass es eine größere Anzahl an Christen geben wird, die wortwörtlich und also fundamentalistisch glauben. Davon bin ich, wie Du, überzeugt.
Lumen hat geschrieben:Unbestritten mögen es Religiöse natürlich nicht, wenn andere in ihre Deutungshoheit reinreden. Gottes Reich als himmlisches Nord Korea darzustellen, wie Hitchens es tat (ich hier nicht) schmeckt nicht—hört sich auch reißerisch an. Allen ernstes, warum ist der Vergleich nicht statthaft? Ein indoktrinierter Nord-Koreaner wird auch die Nase rümpfen, wenn jemand den "geliebten Führer" kritisiert. Da ist es beinahe ironisch, dass die kath. Kirche bis heute an ein "unfehlbares Oberhaupt" glaubt, dass den Gott vertritt. Gerade Basis-Demokratisch geht es im Vatikan nicht gerade zu. Sorry, wenn hier so ätze, aber du legst es geradezu darauf an, dass man dir das um die Ohren haut.
Auch die Entschuldigung ist nicht nötig, da ich darunter nicht leide.
Ich bin, wie schon mehrfach erklärt, nicht katholisch und evangelisch eigentlich nur auf dem Papier, meine überschaubare Religionsnähe ist eher ordnungspolitischer Natur. Mir läuft es aber auch nicht kalt den Rücken runter, wenn ich Kirchenglocken höre, ich liebe Weihrauch und mag manches an dem Zeremoniell, der sakralen Kunst, die Stimmung in Kirchen und Klostern und habe da ehrlich gesagt eher ein Wohlgefühl, als gleich Bilder von Folterungen im Kopf.
Ich kenne viele Christen, die ich als herzensgute Menschen ansehen würde, einige Vollpfosten, die meisten irgendwo dazwischen, wie bei anderen halt auch.
Lumen hat geschrieben:Dein Priester, nehmen wir den Fehde-Handschuh doch mal auf. Auch das ist so ein Punkt. Manchmal gibt es auch tatsächlich Priester, die sich an Jungen vergehen und wenn das in mehreren Ländern passiert und die Ideologie gewisse Schwierigkeiten mit (Homo-) Sexualität hat, wo ist es dann überzogen, den Elefanten im Raum auch anzusprechen?
Das ist doch überhaupt nicht überzogen, glaubst Du denn im Ernst, dass sich irgendwer darüber freut? Sogar dem Papst dürfte es kalt den Rücken runterlaufen, bei dem Thema. Natürlich darf man das nicht nur kritisieren, man muss es kritisieren und sollte das keinesfalls als Bagatelle abtun, die es nicht ist. Auch die Einstellung aller Religionen, allen voran das katholische Christentum zur Sexualität ist verklemmt bis offen sexualfeindlich und zumeist im hohen Maße ungesund.
Dennoch ist es eine Binse, dass nicht jeder Gläubige und nicht jeder Priester ein verkappter Sexualstraftäter ist und so weit ich weiß, ist sexueller Missbrauch in der Kirchen unterrepräsentiert, Tatort Nummer 1 ist die Familie. Sehr wahrscheinlich haben sexuelle Übergriffe eher mit der Asymmetrie zu tun und damit, das nicht ausreichend öffentliche Kontrolle vorhanden ist, als mit der Religion. Skandale gibt es auch bei Evangelen, in Schulen, privaten und staatlichen und auch bei Ärzten und sogar beim Weißen Ring hat es das glaube ich mal gegeben, alles hinter der Familie.
Mit anderen Worten, könnte man statistisch besser Eltern ihre Kinder wegnehmen und der Kirche anvertrauen, im Puncto sexueller Missbrauch wäre sie dann sicherer.
Dass das keinen einzigen Missbrauchsfall relativiert oder entschuldigt sage ich hier noch einmal dazu, wie schon öfter.
Lumen hat geschrieben:Wohlbemerkt, habe dein absichtlich überzogenes Beispiel hier nur aufgegriffen. Auch da passt aber mein "Rant". Da wird lange gerätselt wie das passieren konnte oder als Einzelfall deklariert, oder auf die Familie verwiesen, wo Mißbrauch häufiger sei — das Winden des Aals.
Was ist denn daran Winden?
Wenn jemand Angst vorm Fliegen hat und man darauf hinweist, dass das Gefährlichste am Flug die Anreise mit dem Auto zum Flughafen ist, heißt dass doch nicht, dass man sich über Flugzeugabstürze freut oder sagt, wir bräuchten keine Flugsicherheit, seine Angst nicht ernst nimmt oder so etwas.
Was ist denn das Problem daran, das auseinander zu halten?
Lumen hat geschrieben: Aber es passierte in mehreren Ländern, in langen Zeiträumen, in einem Umfeld, dass sich immer auf einem moralisch sehr hohen Roß darstellte.
Ja, das ist in der Tat mehr als pikant, mit einem Saubermannimage aufzutreten und dann die größten Schweinereien zu verantworten zu haben. Aber bei Dir hört es sich an, als seien Folter, sexueller Missbrauch, Scheiterhaufen und Co. das Programm im neuen Katechismus.
Lumen hat geschrieben:Sieht aus wie ein Spaten und ist (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) einer. Ja, es hat wohl damit zu tun, dass Männer ihre Sexualität komplett unterdrücken und in eine Machtposition kommen, wo das Aufklärungsrisiko gering ist. Ist das wirklich an den Haaren herbeigezogen, vielmehr, ist es dermaßen undenkbar für dich, dass du dich derartig entrüstet fühlst?
Ich fühle mich gar nicht entrüstet. Warum sollte die Unterdrückung der eigenen Sexualität denn dazu führen, dass man sich an kleinen Jungs vergeht? Ist Sexualunterdrückung in den frühen Erwachsenenjahren eine Ursache für (homosexuelle) Pädophilie? Habe ich noch nie von gehört, ist soweit ist weiß, auch schlicht falsch.
Die Ursache für pädophile Übergriffe (nicht für Pädophilie im Allgemeinen, da streitet man wohl noch) ist nach meinem Wissen eine narzisstische Störung mit kräftigen antisozialen Anteilen, die Ursachen dafür liegen fast immer in den ersten Lebensjahren begründet.
Meine private These (die ich aber statistisch nicht belegen kann) ist, dass es allgemein unter Priestern einen überproportional hohen Anteil an Homosexuellen gibt, die – vielleicht besonders, wenn sie aus einem rigiden religiösen Elternhaus kommen – große Probleme haben, sich und anderen ihre Homosexualität einzugestehen und statt dessen Priester zu werden als eine mögliche Option ansehen. Man braucht dann nicht zu erklären, warum man keine Freundin hat, peinliche Themen und coming outs werden vermieden, aber natürlich ist längst nicht jeder Priester ein verkappter Schwuler.
Sich für eine Unterdrückung der eigenen Sexualität zu entscheiden ist ein Thema für sich, wenn Du mich fragst, ein vollkommen aufgebauschtes, weil es kaum jemanden betrifft und alle die es tun, es wohl freiwillig machen, dennoch kann ich nicht sehen, dass, wenn es nicht klappt kleine Jungs das Ziel sein sollten. Warum nicht Masturbation, der Mönch in der Nachbarzelle, warum nicht in der Nachbarstadt in den Puff gehen, warum nicht einfach eine Geliebte von der niemand was weiß, die Kirche zahlt doch für mehrere uneheliche Kinder, Möglichkeiten gibt es doch in Hülle und Fülle.
Kurz und gut, es gibt meiner Wahrnehmung nach bei Religiösen aller Art, also auch Christen und Katholiken das ganze Spektrum, für mich sind Christen nicht entweder dumm oder gerissen oder boshaft, sondern einfach erst mal Menschen, von denen ich mir dann ein Bild zu machen versuche, wenn ich mit ihnen in Kontakt komme. Vorurteile habe ich natürlich auch, manchmal werden sie bestätigt, manchmal nicht, so wie es im richtigen Leben halt ist – jedenfalls in meinem.