In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 01:59

HFRudolph hat geschrieben:Ein Punkt ist aber wohl, dass manche Menschen auch Scientismus als abwertend verstehen - und wer nicht an der Uni war, versteht vielleicht auch schwerer, was damit gemeint ist: Auch das kann nicht beabsichtigt sein!


"Scientism is the view that the natural sciences are the very paradigm of truth and rationality. If something does not square with currently well-established beliefs, if it is not within the domain of entities appropriate for scientific investigation, or if it is not amenable to scientific methodology, then it is not true or rational."

(Wilkins, Michael J., and J. P. Moreland. Jesus Under Fire: Modern Scholarship Reinvents the Historical Jesus. Grand Rapids, MI: Zondervan, 1995. p. 8)

Der szientistische Naturalismus ist also ein "Naturwissenschaftsismus", mit dem Ziel, die Ontologie und die Epistemologie entweder vollständig zu "naturalisieren", d.h. "wissenschaftstauglich" zu machen, oder, falls das nicht gelingt, zu eliminieren.

"Projects of naturalization have typically been conceived as substantive semantic projects in which the concepts of apparently nonnatural discourses must be:

1) reduced or reconstructed in terms of naturalistically respectable posits—that is, the posits of the natural sciences; or

2) treated as useful fictions; or

3) construed as playing a nonreferential or nonfactual linguistic role; or

4) eliminated altogether as illusory manifestations of 'prescientific' thinking.

The highly revisionary aims of most naturalization projects is an indication of the fact that, by and large, scientific naturalists tend to adopt a narrow and restrictive conception of what constitutes legitimate natural science: at a minimum, physics, or more plausibly, physics and also chemistry and biology. In doing so, they draw a (no doubt controversial) line between science proper and other kinds of rational inquiry such as history or art criticism.
The substantive conception of natural science they presuppose has complex roots, but two discernible influences are a continuing allegiance to the in-principle unity of the sciences and the appeal of a strong version of physicalism."


(De Caro, Mario, and David Macarthur. "The Nature of Naturalism." In Naturalism in Question, edited by Mario de Caro and David Macarthur, 1-17. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2004. p. 4+)

P.S.: Hier könnt Ihr Euch den ganzen oben genannten Text runterladen (was zu tun ich sehr empfehle!):
http://www.arts.usyd.edu.au/departs/phi ... uction.pdf
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 02:08

Sabrist hat geschrieben:Glauben? Nö.
Wir sind keine Religion.


Nicht jeder Glaube ist ein religiöser Glaube!
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 05:25

Myron hat geschrieben:"A supernatural-free worldview is not an ideology."
(http://www.the-brights.net/action/activ ... line1.html)


Ein maßgeblicher Aspekt, worauf die demonstrativ antiideologisch-antiphilosophische Attitüde beruht, die in den Texten von Brights Central zum Ausdruck kommt, scheint folgender zu sein:

"Brights often maintain positions of civic indifferentism or civil neutrality toward others’ faith in the divine."

(http://www.the-brights.net/vision/essay ... t_who.html)

Analog zur Unterscheidung zwischen negativen und positiven Atheisten könnte man nun zwischen negativen und positiven Naturalisten unterscheiden. Ein negativer Atheist ist ein Nontheist, d.i. jemand, dem der Glaube an die Existenz von Göttern fehlt, wohingegen ein positiver Atheist jemand ist, der ausdrücklich an die Nichtexistenz von Göttern glaubt, deren Nichtexistenz behauptend. Entsprechend ist ein negativer Naturalist, d.i. ein Nonsupernaturalist, jemand, dem der Glaube an die Existenz übernatürlicher Dinge fehlt, wohingegen ein positiver Naturalist jemand ist, der ausdrücklich an die Nichtexistenz übernatürlicher Dinge glaubt, deren Nichtexistenz behauptend.

Alle positiven Naturalisten sind negative Naturalisten (Nonsupernaturalisten), aber nicht alle negativen Naturalisten sind positive Naturalisten, sondern—siehe obiges Zitat!—darunter findet sich auch eine Vielzahl von Leuten, die den Supernaturalismus nicht explizit negieren, sondern sich ihm gegenüber neutral, d.h. entweder reflektiert agnostisch oder einfach nur unreflektiert indifferent, verhalten.

Selbstverständlich fehlt sowohl den positiven Naturalisten, den agnostischen Nonsupernaturalisten als auch den indifferenten Nonsupernaturalisten der Glaube an die Wahrheit des Supernaturalismus, aber es sind nur die Erstgenannten, die entschieden an die Falschheit des Supernaturalismus glauben.

Brights Central hatte und hat wohl immer noch die Befürchtung, die Brights-Bewegung könnte auf einen Zusammenschluss positiver Naturalisten reduziert werden, wenn man so etwas wie ein positives philosophisches "Credo" verfassen würde.
Sie möchten, dass die Brights-Bewegung sozusagen eine möglichst breit angelegte Volksbewegung ist, die das Maximalspektrum aller Nonsupernaturalisten einschließt, d.h. eben nicht nur die positiven Naturalisten, sondern auch alle agnostischen und indifferenten "Nonsupers".

Das ist alles schön und gut, ich habe ja grundsätzlich überhaupt nichts dagegen, wenn Brights Central mit seinem Programm alle erdenklichen Nonsupers ansprechen will; doch andererseits habe ich etwas dagegen, wenn das Niveau derjenigen, die im schwächsten Sinne Nonsupers sind, d.i. die Indifferenten, zum alleinigen intellektuellen Maßstab der gesamten Brights-Bewegung erhoben wird. Nur weil ein vielleicht sogar großer Teil der Brights sich aus Desinteresse keinerlei Gedanken zur Philosophie des Naturalismus macht, kann man doch von mir als einem, der sich dazu gerne viele Gedanken macht, nicht verlangen, dass ich mich mit der dünnen Wassersuppe, die uns Brights Central serviert, zufriedengebe.
Wenn es so weit gehen sollte, dass innerhalb der Brights-Bewegung philosophische Reflexionen über das naturalistische Weltbild, den Naturalismus unerwünscht sind, dann läge ich ehrlich gesagt keinen Wert mehr darauf, mich zu den Brights zu zählen.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 06:43

Myron hat geschrieben:Wenn es so weit gehen sollte, dass innerhalb der Brights-Bewegung philosophische Reflexionen über das naturalistische Weltbild, den Naturalismus unerwünscht sind, dann läge ich ehrlich gesagt keinen Wert mehr darauf, mich zu den Brights zu zählen.


Man kann die Sache ja auch andersrum anpacken, indem man nicht untersucht, was jemand glauben muss, um ein Bright werden zu können, sondern, was jemand nicht glauben darf, wenn er ein Bright werden will. :rollsmilie3:

Und gibt es hier jemanden, der bestreitet, dass ein Bright weder ein Theist/Deist, ein Substanzdualist noch ein Platonist sein darf, weil ebendiese Ismen den Supernaturalismus ausmachen?
Es kommt sogar noch ein wichtiger Punkt hinzu, denn es genügt noch nicht, nur an den Substanzdualismus nicht zu glauben. Man darf als Bright auch nicht an spirituelle Formen von Energie glauben. Da die Energie einer Substanz selbst keine Substanz, sondern ein Substanzattribut ist, ist dieser Punkt durch den Nichtglauben an den Substanzdualismus nicht mit abgedeckt. Denn ein Nonsubstanzdualist könnte ja alternativ irgendwelchen materiellen Substanzen sowohl materielle als auch spirituelle Energie zuschreiben. (Genau das machen die Esoteriker, wenn sie den menschlichen Körper als Träger spiritueller Energie ansehen.)
Ich definiere hiermit also den folgenden Begriff:

"Energiedualismus" =def "Der Glaube, dass es in der Welt zwei fundamentale Arten von Energie gibt: (a) physische/materielle Energie und (b) psychische/spirituelle Energie"

Der Energiedualismus steht ja im Widerspruch zum Prinzip der geschlossenen Naturkausalität. Wenn irgendeine Art von spiritueller Energie eine Rolle in den Kausalprozessen der Natur spielte, dann wäre es auch um die Energieerhaltungssätze der Physik geschehen. (Und davon, wie die Umwandlung psychischer Energie in physische Energie, und umgekehrt, vonstatten gehen könnte, hat niemand auch nur die geringste vernünftige Vorstellung.)

Jemand, der sein Weltbild mit Recht als 'naturalistisch' bezeichnet, darf also zumindest nicht an die Wahrheit der folgenden Ismen glauben:

1. Theismus/Deismus
2. Substanzdualismus
3. Energiedualismus
4. Platonismus
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 07:55

Myron hat geschrieben:"Energiedualismus" =def "Der Glaube, dass es in der Welt zwei fundamentale Arten von Energie gibt: (a) physische/materielle Energie und (b) psychische/spirituelle Energie"


Anmerkung: Energiedualismus ist nicht gleich Eigenschaftsdualismus im Allgemeinen; denn man kann auch als positiver Naturalist Eigenschaftsdualist sein (d.h. glauben, dass es zwei fundamentale, wechselseitig irreduzible Arten von Eigenschaften in der Welt gibt: physische und psychische), weil die Anerkennung der Existenz psychischer Eigenschaften nicht mit der Anerkennung dessen einhergehen muss, dass solche Eigenschaften ihren Trägern irgendeine Art von hyperphysischer Kraft oder Energie verleihen. Dann stellt sich allerdings naheliegenderweise die Frage, ob die an sich kraftlosen geistig-seelischen Eigenschaften überhaupt irgendeine kausale Rolle im Naturgeschehen spielen. Falls nicht, dann sind sie bloße Epiphänomene (was ich persönlich glaube). Aber das führt in diesem Thread jetzt alles viel zu weit ...

Abschließend wieder einmal ein Zitat, diesmal von einem der größten deutschen Philosophen:

"Der Naturalismus ist eine Folgeerscheinung der Entdeckung der Natur, der Natur im Sinne einer Einheit des räumlich zeitlichen Seins nach exakten Naturgesetzen. (...) Der Naturalist also, um uns jetzt ihm besonders zuzuwenden, sieht nichts anderes als Natur und zunächst physische Natur. Alles, was ist, ist entweder selbst physisch, es gehört dem einheitlichen Zusammenhang der physischen Natur an, oder es ist zwar Psychisches, aber dann bloße abhängig Veränderliche von Physischem, bestenfalls eine sekundäre 'parallele Begleittatsache'. Alles Seiende ist psychophysischer Natur, das ist nach fester Gesetzlichkeit eindeutig bestimmt. (...)
Was alle Formen des extremen und konsequenten Naturalismus, angefangen vom populären Materialismus bis zum neuesten Empfindungsmonismus und Energetismus, charakterisiert, ist einerseits die Naturalisierung des Bewusstseins, einschließlich aller intentional-immanenten Bewusstseinsgegebenheiten; andererseits die Naturalisierung der Ideen und damit aller absoluten Ideale und Normen."


(Husserl, Edmund. Philosophie als strenge Wissenschaft. 1910. Nachdruck, Frankfurt a. M.: Klostermann, 1981. S. 13f.)
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 08:28

Übrigens, zwischen einem konsequenten ontologischen Naturalismus und dem nonreduktionistischen Materialismus sehe ich keinen Unterschied.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Sabrist » Mi 22. Apr 2009, 09:37

Übrigens: ich auch nicht. Weil ich so schwere Worte gar nicht verstehen will. :pssst:
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon stine » Mi 22. Apr 2009, 10:43

Ich glaube ich werde nie ein Bright.
Weil ich nicht von vorneherein bereit bin, alle Denkansätze und alle wilden Spekulationen auszuschließen.
Myron hat geschrieben:Jemand, der sein Weltbild mit Recht als 'naturalistisch' bezeichnet, darf also zumindest nicht an die Wahrheit der folgenden Ismen glauben:

1. Theismus/Deismus
2. Substanzdualismus
3. Energiedualismus
4. Platonismus


Ich lasse mir gerne ein paar Türen offen, schon deswegen, weil wir Menschen erst am Beginn einer großartigen Forschung sind.

LG stine
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon HF******* » Mi 22. Apr 2009, 10:55

@Myron: Keine Einwände!

Myron hat geschrieben: Der szientistische Naturalismus ist also ein "Naturwissenschaftsismus", mit dem Ziel, die Ontologie und die Epistemologie entweder vollständig zu "naturalisieren", d.h. "wissenschaftstauglich" zu machen, oder, falls das nicht gelingt, zu eliminieren. ?

Das hört sich sehr gut an, wenn man das „Eleminieren“ im Sinne friedlicher Diskussion versteht.

Myron hat geschrieben:...eine Vielzahl von Leuten, die den Supernaturalismus nicht explizit negieren, sondern sich ihm gegenüber neutral, d.h. entweder reflektiert agnostisch oder einfach nur unreflektiert indifferent, verhalten.

Moment, das wäre meiner Meinung nach nicht-naturalistisch: Ich kann annehmen, dass es Umstände gibt, die nicht Bestandteil meiner heutigen Vorstellung von der Welt sind, weil sie noch nicht erforscht sind. Ich nehme daber dennoch an, dass diese Umstände dann mittels wissenschaftlicher Methodik verständlich und erforschbar und prinzipiell erklärbar wären.

Du meinst, diese Leute haben heute ein naturalistisches Weltbild, weil sie alles heute Bekannte für erklärbar halten, haben aber keine grundsätzlich methodisch naturalistische Herangehensweise?

Solche Leute haben überhaupt kein naturalistisches Weltbild:
Das naturalistische Weltbild wird nicht dadurch definiert, dass es frei von mystischen und übernatürlichen Elementen ist, sondern dass ist nur ein Anhängsel, das ein Attribut kennzeichnet, damit es kurz und knapp verständlich wird.

In dem Sinne bin ich immer davon ausgegangen, dass man nur dann ein naturalistisches Weltbild haben kann, wenn man eine grundsätzlich naturalistische Methode verfolgt, also Herangehensweise. Die ist gewissermaßen durchaus Bestandteil des Weltbildes, weil es eine grundsätzliche Vorstellung von der Welt beinhaltet. Wer das nicht akzeptiert, hat kein naturalistisches Weltbild und kann auch kein Bright sein!

Deshalb steht auch schon lange auf Brights-Hamburg.de:
Naturalistisch ist jedes Weltbild, dass sich zur Ermittlung der Realität der wissenschaftlichen Methode bedient.

Damit gar nicht erst irgendwelche Murkies auf den Gedanken kommen, sich als Brights zu bezeichnen.

Meinst Du, man sollte das noch deutlicher schreiben?
Man könnte Deine Beiträge in dieser Diskussion hier mit copy/paste zu einem Artikel zusammen fügen.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Mi 22. Apr 2009, 20:06

Sabrist hat geschrieben:Übrigens: ich auch nicht. Weil ich so schwere Worte gar nicht verstehen will. :pssst:


Stolz drauf?
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Sabrist » Do 23. Apr 2009, 00:40

Sorry, aber wie ich schon mal anderswo schrob, finde ich es etwas albern, in einem öffentlichen Forum seinen Sprachgebrauch aus dem dritten Semester des Philostudiums zu nutzen.
Ich nehme mal an, dass du Philostudent sein könntest, wenn ja, schätze ich dich etwa so zwischen 3. und 6. Semester ein,erfahrungsgemäß haben die Studis dann so deine Art drauf. Normalerweise gibt sich das mit wachsendem Alter und wachsender Weisheit :-)

Leider bleibt die Tendenz zum Schwätzen des Schwätzens wegen meist erhalten, aber so sind die Philos nun mal.
Du kannst hier noch so viel über deine Interpretation von 'naturalistisch' schreiben (teilweise füllst du ja ganze Seiten hier mit deinen Monologen), es bleibt aber dennoch so: du gehst am Thema vorbei.
Im Sinne der Brightsbewegung bedeutet 'naturalistisch' nichts weiter als der Gegensatz zu 'übernatürlich'.
Ganz simpel und ganz einfach zu verstehen.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Do 23. Apr 2009, 05:00

HFRudolph hat geschrieben:
Myron hat geschrieben:...eine Vielzahl von Leuten, die den Supernaturalismus nicht explizit negieren, sondern sich ihm gegenüber neutral, d.h. entweder reflektiert agnostisch oder einfach nur unreflektiert indifferent, verhalten.

Du meinst, diese Leute haben heute ein naturalistisches Weltbild, weil sie alles heute Bekannte für erklärbar halten, haben aber keine grundsätzlich methodisch naturalistische Herangehensweise?


Das mit dem Agnostizismus und dem Indifferentismus bezieht sich primär auf den ontologischen, nicht auf den methodologischen Naturalismus, und dabei noch nicht einmal speziell auf den szientistischen Naturalismus und dessen Formen:

"1. The ontological scientific naturalist [OSN] holds that the entities posited by acceptable scientific explanations are the only genuine entities that there are. A weaker version holds that scientific posits are the only unproblematic (or nonqueer) entities that there are.
2. The methodological (or epistemological) scientific naturalist [MSN] holds that it is only by following the methods of the natural sciences—or, at a minimum, the empirical methods of a posteriori inquiry—that one arrives at genuine knowledge. A weaker version holds that the methods of the natural sciences are the only unproblematic methods of inquiry. On this view scientific knowledge is the only unproblematic (or unmysterious) kind of knowledge that there is, thus provisionally allowing for nonscientific knowledge in some loose or practical sense."


(De Caro, Mario, and David Macarthur. "The Nature of Naturalism." In Naturalism in Question, edited by Mario de Caro and David Macarthur, 1-17. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2004. p. 7)

(Ich als Freund der Phiolosophie und der Metaphysik im Besonderen würde nur die schwächere Version des OSN unterschreiben, weil ich nicht der Meinung bin, dass prinzipiell nichts außer den ontologischen Setzungen, d.i. den theoretischen Objekten der Naturwissenschaften als existent, als real anzuerkennen ist. Beim MSN tendiere ich zur starken Version, weil ich die apriorischen "Einsichten" der Philosophie und die aposteriorisch gewonnenen Erkenntnisse der Naturwissenschaften nicht auf die gleiche Stufe stelle.)

HFRudolph hat geschrieben:Solche Leute haben überhaupt kein naturalistisches Weltbild.


Agnostische oder indifferente Nonsupers haben zwar kein positiv-naturalistisches Weltbild, aber auch kein supernaturalistisches.
Ob man sich als einer mit einem nonsupernaturalistischen Weltbild auch dem MSN gegenüber agnostisch oder indifferent verhalten darf, ist allerdings fraglich. Hier ist wohl mindestens die schwächere Version zu bejahen.

HFRudolph hat geschrieben:In dem Sinne bin ich immer davon ausgegangen, dass man nur dann ein naturalistisches Weltbild haben kann, wenn man eine grundsätzlich naturalistische Methode verfolgt, also Herangehensweise.


Wenn Du an den Naturalismus denkst, denkst Du offenkundig vor allem an eine methodologische und nicht an eine ontologische Einstellung.
Ein ontologischer Naturalist muss an sich weder ein starker szientistischer ontologischer noch ein starker szientistischer methodologischer Naturalist sein, wobei ich vermute, dass so gut wie alle ontologischen Naturalisten de facto zumindest die beiden schwächeren Versionen bejahen, welchen zufolge die naturwissenschaftlichen Verfahren die einzigen unproblematischen, unmysteriösen Verfahren zur Wissensgewinnung sind und das dadurch gewonnene naturwissenschaftliche Wissen das einzige unproblematische, unmysteriöse Wissen ist.

HFRudolph hat geschrieben:Die ist gewissermaßen durchaus Bestandteil des Weltbildes, weil es eine grundsätzliche Vorstellung von der Welt beinhaltet. Wer das nicht akzeptiert, hat kein naturalistisches Weltbild und kann auch kein Bright sein!


Für mich steht der ontologische Aspekt des Naturalismus im Vordergrund, und wenn im Rahmen der Brights-Bewegung von übernatürlichen oder mystischen Elementen die Rede ist, dann geht es in meinen Augen klar um die Frage, welche Entitäten man in den ontologischen "Setzkasten" seiner Weltanschauung hineintun darf und welche nicht.
Mit dem ontologischen Aspekt sind allerdings durchaus auch epistemologische und methodologische Aspekte verknüpft, die aber von Brights Central nicht thematisiert werden. (Schon der ontologische Aspekt bleibt ja weitestgehend unartikuliert.)
Wie Du sicher schon bemerkt haben wirst, haben wir es hier mit einer sehr komplexen und komplizierten Thematik zu tun, auf die Brights Central nicht eingeht, weil das ja alles unerwünschter "Philosophenkram" ist.
Brights Central gibt sich ganz offensichtlich mit einem oberflächlichen "Vulgärnaturalismus" zufrieden. Denn man will ja eine Volksbewegung sein. Linkszwodreivier ... :winkiss:

HFRudolph hat geschrieben:Deshalb steht auch schon lange auf Brights-Hamburg.de:
Naturalistisch ist jedes Weltbild, dass sich zur Ermittlung der Realität der wissenschaftlichen Methode bedient.


Du bist also in erster Linie ein starker methodologischer szientistischer Naturalist:
"The methodological (or epistemological) scientific naturalist holds that it is only by following the methods of the natural sciences—or, at a minimum, the empirical methods of a posteriori inquiry—that one arrives at genuine knowledge." (Quelle: siehe oben)

Ich würde die folgende Formulierung bevorzugen, denn ein naturalistischer Philosoph/Metaphysiker betreibt ja selbst keine empirische Forschung:

"Naturalistisch ist jedes Weltbild, das sich an den Methoden oder zumindest den Resultaten der empirischen Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften, orientiert."

Ich schätze, Du würdest das noch verschärfen:

"Naturalistisch ist jedes Weltbild, das sich ausschließlich an den Methoden und den Resultaten der empirischen Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften, orientiert."

HFRudolph hat geschrieben:Meinst Du, man sollte das noch deutlicher schreiben?
Man könnte Deine Beiträge in dieser Diskussion hier mit copy/paste zu einem Artikel zusammen fügen.


Mal schaun.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Do 23. Apr 2009, 05:22

Sabrist hat geschrieben:Sorry, aber wie ich schon mal anderswo schrob, finde ich es etwas albern, in einem öffentlichen Forum seinen Sprachgebrauch aus dem dritten Semester des Philostudiums zu nutzen.
Ich nehme mal an, dass du Philostudent sein könntest, wenn ja, schätze ich dich etwa so zwischen 3. und 6. Semester ein,erfahrungsgemäß haben die Studis dann so deine Art drauf. Normalerweise gibt sich das mit wachsendem Alter und wachsender Weisheit :-)
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Do 23. Apr 2009, 08:01

HFRudolph hat geschrieben:Deshalb steht auch schon lange auf Brights-Hamburg.de:
Naturalistisch ist jedes Weltbild, dass sich zur Ermittlung der Realität der wissenschaftlichen Methode bedient.


Siehst Du dann überhaupt noch einen Unterschied zwischen dem Naturalismus und einem radikalen Empirismus, dem Empirizismus?—Ich nämlich nicht.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon HF******* » Do 23. Apr 2009, 11:25

Sabrist hat geschrieben:Sorry, aber wie ich schon mal anderswo schrob, finde ich es etwas albern, in einem öffentlichen Forum seinen Sprachgebrauch aus dem dritten Semester des Philostudiums zu nutzen.

Ja, viel schlimmer aber: Es handelt sich um unbrauchbare Sätze. Das, was drin steht, enthält Variablen, die sich nur nach der Lektüre von 20 Doktorarbeiten erschließen.

Die Kurzdefinitionen von Metaphysik und Ontologie, Entität, Epistemologie sind strittig. Der Text enthält damit teilweise nicht einmal konkrete Aussagen, sondern teilweise 20-30 sich widersprechende Aussagen. Der Austausch scheitert an der Kommunikation.

Wenn man sich in der Ontologie u. a. mit dem befasst (die Ontologie kann sich mit nichts befassen), was es nicht gibt, wie kann man dann daraus ein Adjektiv "ontologisch" bilden, bzw. was soll das aussagen? Ein Weltbild befasst sich mit nichts, erst recht befasst es sich ein naturalistisches Weltbild nicht mit dem Nichts. Man kann sich mit etwas befassen, um zu einem Weltbild zu gelangen. Es kann demnach auch kein ontologisches Weltbild geben. Wenn ein Weltbild ontologisch ist, wenn ich mich vorher mit "ist nicht" befasst habe, dann kann aus einer solchen Befassung kein Weltbild herrühren, weil das keinen Erkenntnisgewinn bietet. Es könnte ein unbestimmtes Weltbild herauskommen, wie jedes Weltbild unbestimmte Aspekte enthält. Wenn man es aber ernst meint, kann man mit der Befassung mit "ist nicht" zu gar nichts kommen, auch nicht zum Naturalismus.

Wikipedia hat geschrieben:Metaphysik bezeichnet eine philosophische Disziplin, welche Grundstrukturen der Realität beschreibt, die nicht Gegenstand von einzelnen Erfahrungserkenntnissen oder von naturwissenschaftlichen Erklärungen sein können - sondern darüber hinausgehen oder ihnen zugrundeliegen.

In diesem Sinne ist ein naturalistisches Weltbild auch immer non-metaphysisch, denn etwas, was weder Teil des Erfahrungswissens ist, noch Bestandteil einer wissenschaftlichen Erklärung sein kann, kann schlecht Bestandteil eines naturalistischen Weltbildes sein…
Zuletzt geändert von HF******* am Do 23. Apr 2009, 11:42, insgesamt 4-mal geändert.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Sabrist » Do 23. Apr 2009, 11:29

Ja.
Die Brightsbewegung basiert auf Naturalismus, letztlich auf Naturwissenschaft.
Philosophie ist keine Naturwissenschaft. Ich persönlich halte philosophische Rabulistik für genauso unsinnig und gefährlich wie Religion. Ich sehe da ehrlich gesagt keinen Unterschied.
Deshalb stütze ich mich wie eigentlich alle Brights auf das Natürliche, auf Naturwissenschaft (allenfalls noch Gesellschaftswissenschaft, denn auch die ist empirisch prüfbar) und auf Logik.
Religiöses und anderes philosophisches Geschwätz hat meines Erachtens nichts mit der Brightbewegung zu tun.

Und dass Myron Kritik an seinen Ausführungen nicht dulden will. spricht Bände. So reden Denkwächter, Hexenjäger und religiöse Fanatiker, aber keine Brights.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Sabrist » Do 23. Apr 2009, 11:33

Myron hat geschrieben:
Sabrist hat geschrieben:Sorry, aber wie ich schon mal anderswo schrob, finde ich es etwas albern, in einem öffentlichen Forum seinen Sprachgebrauch aus dem dritten Semester des Philostudiums zu nutzen.
Ich nehme mal an, dass du Philostudent sein könntest, wenn ja, schätze ich dich etwa so zwischen 3. und 6. Semester ein,erfahrungsgemäß haben die Studis dann so deine Art drauf. Normalerweise gibt sich das mit wachsendem Alter und wachsender Weisheit :-)
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon HF******* » Do 23. Apr 2009, 12:04

@Sabrist: In diesem Bereich ist auch nur Peter der Moderator…, aber der wird möglicherweise gerade vertreten...

Dieses philosophische Verklausulieren geht jedenfalls immer mit dem Machtkampf um Definitionshoheit einher und soll andere davon ausschließen, mitzureden. Insoweit weist das tatsächlich Parallelen zur Religion auf. Nur eine philosophische Kaste kann dann bei der Bestimmung von Richtlinien mitreden.

Überhaupt ist das mal ein Grund, auch von diesem sektirerischen Verwenden von Sonderbegriffen wie "Supers" Abstand zu nehmen. Man kann das verwenden, um andere zu diskriminieren, man schließt aber insbesondere sprachlich nicht Eingeweihte von der Diskussion aus und gibt nach Außen auch einen reichlich sektirerischen Eindruck ab. Mit "Murkie" ist das ähnlich. "Vertreter des Übernatürlichen" verstehen auch Außenstehende.
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Do 23. Apr 2009, 12:05

HFRudolph hat geschrieben:In diesem Sinne ist ein naturalistisches Weltbild auch immer non-metaphysisch, denn etwas, was weder Teil des Erfahrungswissens ist, noch Bestandteil einer wissenschaftlichen Erklärung sein kann, kann schlecht Bestandteil eines naturalistischen Weltbildes sein…


Ein naturalistisches Weltbild muss keineswegs metaphysikfrei sein!
Der Naturalismus ist ja selbst auch ein metaphysischer Standpunkt.

"The word 'metaphysics' is notoriously hard to define. Twentieth-century coinages like 'meta-language' and 'metaphilosophy' encourage the impression that metaphysics is a study that somehow 'goes beyond' physics, a study devoted to matters that transcend the mundane concerns of Newton and Einstein and Heisenberg. This impression is mistaken."
(http://plato.stanford.edu/entries/metaphysics)
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Re: In aller Kürze: Was ist ein Bright?

Beitragvon Myron » Do 23. Apr 2009, 12:24

Sabrist hat geschrieben:Ein Hinweis an den Moderator: ich spreche dir jede Kompetenz ab, in deinem eigenen Thread zu moderieren.
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Ein Hinweis an das Forumsmitglied: Ich bin Moderator dieses Forums, aber ich habe keine "eigenen" Threads.
Wie ich schon an anderer Stelle betonte, weiß ich zwischen meinen beiden Rollen als normaler Diskutant und als Moderator durchaus objektiv zu unterscheiden. Persönliche Angriffe oder Herabsetzungen, die den Rahmen sachlicher Kritik sprengen, sind jedoch nicht tolerabel, gleichgültig ob sie gegen meine Person oder irgendein anderes Mitglied gerichtet sind.
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