AgentProvocateur hat geschrieben:Dissidenkt hat geschrieben: a significant majority of our participants judged that such agents are free and responsible for their actions.
Das bestätigt doch genau was ich sage, nämlich, dass die Mehrheit eine naive Vorstellung vom freien Willen hat. Die Mehrheit kann nicht einmal zwischen Willens- oder Handlungsfreiheit differenzieren. Die Mehrheit weisst selbst dort deshalb Schuld und Verantwortung zu, wo Menschen offensichtlich gar nicht anders handeln konnten.
Die Mehrheit hält nach dieser Studie nicht, so wie Du, die metaphysische und logisch unmögliche Fähigkeit, in ein und derselben Situation anders zu handeln, als man letztlich handelt, für eine Zuweisung von Verantwortung und Schuld für notwendig.
Falsch.
1. Die Mehrheit sagt "agents are free". Deine Behauptung, die Mehrheit würde den Agents Unfreiheit in der Entscheidung attestieren und dennoch Schuld und Verantwortung zuweisen, stimmt nicht.
2. Ich sage: Niemand ist frei in irgendeiner Entscheidung.
AgentProvocateur hat geschrieben:Verstehe ich nicht. 'Rechte' existieren nicht 'einfach so', Rechte sind immer etwas Zugewiesenes, von anderen (Subjekten) Akzeptiertes. Wenn Menschenrechte gelten sollen, dann tun die das nicht 'einfach so', sondern deswegen, weil sie akzeptiert und eingehalten werden.
Ich schrieb,
Menschenrechte sind ideelles Kulturgut, das impliziert, dass sie nicht "einfach so" existieren, sondern auf einer humanistischen Einsicht beruhen.
AgentProvocateur hat geschrieben:Jeder Staat, der Menschenrechte proklamiert, verpflichtet sich damit, diese zu schützen.
Menschenrechte gelten nicht erst durch staatliche Proklamation. Das wäre ja völlig unsinnig, da sie dann erstens abgeschafft werden könnten und zweitens nur für die Individuen dieses Staates gelten würden. Ich sags noch einmal: Menschenrechte sind ein ideelles Kulturgut! Sie gelten bedingungslos für ALLE Menschen und sind weder aberkennbar, noch einschränkbar.
AgentProvocateur hat geschrieben:Und auch eine Selbstverpflichtung ist selbstverständlich eine Pflicht, sie hindert die Regierung (die aus Subjekten besteht) daran, bestimmte Regelungen zu treffen, die sie treffen könnte, wenn die Menschenrechte nicht gälten.
Eine Regierung kann die Menschenrechtscharta der UN ratifizieren und sich damit zwar verpflichten, die Menschenrechte einzuhalten, ob sie das tut ist eine ganz andere Sache. Genausogut kann ein Staat die Menschenrechte achten ohne die Charta zu unterzeichnen oder sich für irgendetwas zu verpflichten, ganz einfach aus der Erkenntnis, dass die Menschenrechte ohne wenn-und-aber Geltung haben.
AgentProvocateur hat geschrieben:Woher weißt Du, was 'wir' uns einbilden? Warum redest Du erst mal nicht nur von Dir selber und verkneifst Dir eine Übertragung von dem, was Du meinst, was Du bist, auf das, was andere meinen, was sie sind?
Weil wir hier nicht über unterschiedliche Geschmäcker, Vorlieben oder individuell einmalige Erfahrungen diskutieren, sondern über Grundprinzipien der Funktionsweise des menschlichen Gehirns.
AgentProvocateur hat geschrieben:Ich sehe das nämlich ziemlich anders als Du. Ich (als Person) bin (u.a.) die Instanzen in meinem Gehirn, es erscheinst mir sogar ziemlich absurd, anzunehmen, es gäbe einen Unterschied zwischen mir und den Instanzen in meinem Gehirn.
DU bist ua das, was die Instanzen in deinem Gehirn hervorbringen. Selbstverständlich bist "DU" als Gesamtperson etwas anders, als die Instanzen in deinem Gehirn, die ja nur ein Teil von dir sind. Du bist ja auch nicht deine Leber oder deine Träume. DU und die Instanzen in deinem Gehirn sind also de facto etwas völlig unterschiedliches, das aber zweifellos zusammen gehört.
AgentProvocateur hat geschrieben:Weil ich nämlich monistischer Materialist bin kann es in meiner Sicht da keinen (ontologischen) Unterschied geben. Zwei Seiten einer Medaille, unterschiedliche Beschreibungsebenen, mehr nicht. Nicht ontologisch getrennt, nicht zwei Entitäten, was aber Voraussetzung wäre, um aufeinander einwirken zu können.
Nur weil du das so "siehst", wird es nicht wahr!
Beispiel: Eine "Entität" wie du es so nennst, also eine Instanz in deinem Gehirn ist zB. dein Gewissen. Das sitzt in einer Region im vorderen Stirnlappen und wird immer dann besonders aktiv, wenn es darum geht "moralische" Entscheidungen zu treffen.
Du denkst offenbar, du und dein Gewissen, ihr wärt "eins", eine untrennbare Einheit, "kein ontologischer Unterschied". Jetzt komme ich mit dem präzisen semantisch-chirurgischem Messer und entferne dir dein Gewissen, schneide es vom Rest des Gehirns ab oder betäube es vorübergehend.
Was passiert?
1. Du wirst dich erheblich anders verhalten als vorher.
2. Du wirst Dinge anders beurteilen, als vorher.
2. Du wirst vermutlich immer noch glauben, du seist der selbe, wie vorher
AgentProvocateur hat geschrieben:Öhm, ja, das stimmt natürlich. Aber so habe ich es nicht gemeint, ich meinte es es als Gegensatz der beiden Fragen: a) "Ist das Bewusstsein frei?" und b) "Ist die Person frei?" Wobei ich a) als von Vorneherein als absurd empfinde, weil ein 'unabhängiges Bewusstsein' ein 'Bewusstsein an sich' annimmt, b) aber als sinnvoll. Natürlich muss man immer dazu fragen, in Bezug auf was X frei ist, eine 'Freiheit an sich' ist ein mE unverständliches Konzept. Das war aber nicht mein Punkt hier, wie gesagt.
Prima, jetzt kommen wir uns näher.
a) Unser Bewusstsein ist natürlich nicht frei und das ist auch weder "denkbar" noch wünschenswert. Das dürfte auch jedem klar werden, der etwas länger darüber nachdenkt.
b) Jetzt ist die Frage, was meinst du mit Person? Person ist ja nur ein größeres Konzept, das aber das Bewusstsein des Menschen mit einschliesst. Genauso wie das Unbewusstsein oder andere Instanzen des Gehirns Teil des Begriffs "Person" sind.
AgentProvocateur hat geschrieben:Dissidenkt hat geschrieben:...Wir können uns aber BEWUSST dafür entscheiden Informationen und Erfahrungen in unser Unterbewusstsein zu bringen.
Das ist Lernen! Das wird sich auch in unserem späteren Handeln niederschlagen.
Zufälligerweise bezeichne ich nun genau das als freien Willen, nämlich dass man aufgrund eigener rationaler Überlegungen / Abwägungen die Zukunft hinsichtlich der Erreichung seiner eigenen Ziele beeinflussen kann. Und dass man seine Ziele reflektieren und anpassen kann.
Damit sind wir beim Kern des Problems. Das, was du als "freien Willen" bezeichnest, ist kein "freier Wille". Die Vorgänge, die du beschreibst: "Überlegungen / Abwägungen /beeinflussen / Ziele reflektieren / anpassen" das kann auch ein Roboter, der einen Parcours durchfahren muss. Daran ist nichts "frei", sondern alles ist determiniert und durch innere und äussere Parameter gelenkt. Das ist aber auch gut so, denn nur so kann ein Mensch funktionieren. "Freiheit" wäre Unberechenbarkeit, Beliebigkeit im Handeln und Denken, eine völlig aberwitzige Vorstellung.
Wir müssen also nur Einsehen, dass wir nicht im absoluten Sinne frei sind und dies auch gar nicht erstrebenswert wäre. Wenn wir zu der Einsicht gelangen, dass wir unsere Handlungsmöglichkeiten erweitern können, können wir uns eventuell dafür entscheiden, uns möglichst viele Handlungsmöglichkeiten anzueignen, aus denen wir dann auswählen können. Das bezeichnen Leute wie Schmidt-Salomon als Handlungsfrieheit.
Ich dagegen sage, auch diese sogenannte "Handlungsfreiheit" ist keine wirkliche Freiheit, sondern ein Prozess, der in den verschiedensten Instanzen unseres Gehirns abläuft und schlussendlich unserem Bewusstsein - das in der Regel (aber nicht immer) auch am Entscheidungsablauf beteiligt ist - in Form einer Entscheidung gemeldet wird.
AgentProvocateur hat geschrieben:...was hast Du dann eigentlich dagegen einzuwenden, dass jemand (z.B. ich) meint, Willensfreiheit zu haben? Was sonst sollte Willensfreiheit denn eigentlich darstellen? Dass ich das wählen / wollen soll, was ich letztlich gar nicht will, wenn mein Entscheidungsvorgang abgeschlossen ist? Nee, oder, wäre doch absurd, nicht?
Ich störe mich an dem Begriff "Freiheit". Sagt doch einfach, du hast einen "Willen"!
Den kann dir niemand absprechen. Den reklamiere ich selbstverständlich für mich auch.
Ich weiss aber, dass dieser Wille nicht "frei" ist, sondern sehr streng determiniert, zwar hochkomplex und nicht im Einzelnen zu durchschauen, aber determiniert.
AgentProvocateur hat geschrieben:Frage: was genau ist ein 'soziopathisches Verhalten einer Person'? Was sind die Kriterien dafür? Gibt es Kriterien oder ist das nur ein (individuelles) Gefühl: 'der ist soziopathisch' und 'der könnte vielleicht eventuell gefährlich sein'? Und wenn Letzteres: das könnte auch jeder willkürlich von Dir denken, oder? Du wärest also immer in der Gefahr, einer Maßnahme zu Deiner 'Besserung' augeliefert zu sein, (was eine Einschränkung Deiner persönlichen Freiheit bedeutete), nicht wahr?
Soziopathisches Verhalten kann sich unterschiedlich äussern. Sanktioniert werden muss es dann, wenn andere Menschen in ihren grundlegenden Rechten massiv beeinträchtigt werden. Das ist letztendlich in den Einzelfragen eine gesellschaftliche Entscheidung.
Eine Gesellschaft hat selbstverständlich das Recht und in diesem Fall auch die Pflicht, ihre Mitglieder zu schützen. Dafür definiert die Mehrheit das, was sie als normal erachtet und wer sich daran nicht hält, muss mit Sanktionen rechnen. Die Mehrheit selbst, möchte aber selbstverständlich auch nicht sanktioniert werden, weshalb sie Sanktionen auch nur für Minderheitenverhalten codifiziert, das nicht hinnehmbar ist. Das sehen wir aktuell an der Datenvorratsspeicherung. Selbstverständlich möchten alle einen freien und unkontrollierten Zugang zum Internet. Wenn der Staat - in diesem Fall eine unfähige, weil verfassungsfeindliche Regierung - Gesetze erlässt, die diese Freiheit unangemessen einschränkt, kann sich der Bürger dagegen zu Wehr setzen und Regeln einfordern, die eine kriminelle Minderheit einschränken, aber nicht die nicht-kriminelle Mehrheit.
AgentProvocateur hat geschrieben:Aber was ist nun mit dem konkreten Steuerhinterzieher, der erwischt wurde und der nicht einsichtig ist? Was kann und was soll mit ihm geschehen? Darf man seine Rechte auf Selbstbestimmung einschränken (Art. 2 GG Abs. 1)? Oder nicht oder doch (z.B. Geldstrafe) und wenn ja: warum?
Sein Recht zur Selbstbestimmung ist schon durch die Pflicht der Steuerabgaben eingeschränkt. Das ist ja auch weitestgehend gesellschaftlicher Konsens.
Die Gesellschaft kann ihn natürlich auch bestrafen. Zum einen, um dem Steuerrecht zur Durchsetzung zu verhelfen, zum anderen, um eine Handlungsänderung herbeizuführen.
AgentProvocateur hat geschrieben:Glaubst Du im Ernst, es gäbe einen Einheitsmenschen mit einer Einheitsmoral, eine objektive normative Wahrheit? Wie sollte das möglich sein? Wie sollte man die feststellen können?
Natürlich gibt es das nicht. Wie kommst du darauf?
Es gibt aber einen evolutionären Weg zur Wahrheit, Erkenntnis und Gerechtigkeit.
Der zeigt sich in den Wissenschaften, dem Rechtswesen und im humanistisch-aufgeklärten Denken der Menschen. Ein Einheitsdenken oder ein Einheitsmensch sind alles andere als erstrebenswert, weil sie Stillstand und Ende der Entwicklung bedeuten würden.
AgentProvocateur hat geschrieben:Mit anderen Worten: der Typ ist voraussichtlich keine zukünftige Gefahr mehr.
Das ist falsch. Wer einmal in dieser Form gemordet hat, hat gezeigt, dass er zum Töten aus niederen Beweggründen in der Lage ist und vernunftmäßig muss man einsehen, dass so ein Mensch gefährlich ist und es wieder tun kann. Zumal er die natürliche Ersthemmung beim Töten bereits einmal überwunden hat, wenn er sie überhaupt hatte.
Es gibt also gute Gründe, alles zu tun, um weitere Taten zu verhindern.
AgentProvocateur hat geschrieben:Nehmen wir nun an, es gelingt Dir nicht, ihn zu einer Einsicht dazu zu bringen, dass er moralisch falsch gehandelt hat, Deine Bemühungen fruchten nicht. Was dann? Was schlägst Du vor?
Ich würde ihn dennoch durch die Schulen schicken. Dann dürfte er sich von Kindern und Jugendlichen erklären lassen, warum sein Handeln gesellschaftlich nicht hinnehmbar ist.
