fopa hat geschrieben:Entscheidet sich ein Handels-Computer an der Börse zu einem bestimmten Zeitpunkt, einen Kauf zu tätigen? Hat er denn eine Alternative? Er wägt gemäß seiner Programmierung verschiedene Alternativen ab und bewertet sie und entscheidet sich nach Abschluss des Bewertungsprozesses für die, die er für die beste hält.
Was macht der Mensch prinzipiell anders?
Ah, da gibst du mir ungewollt ein gutes Beispiel, um zu demonstrieren, dass das Wissen um die eigene Determiniertheit nur von äußerst begrenztem Nutzen ist. Der Computer, der kein Bewusstsein, kein personales Ich und keine Reflexionsfähigkeit besitzt, wird nicht davon beeinflusst, ob er weiß, dass er determiniert ist oder nicht. Er spielt das Spiel von Input-Decision-Output auch so wunderbar. Anders gesagt: Ein Regelkreislauf muss nicht wissen, dass er ein Regelkreislauf ist. Wenn es nun so wäre, wie du sagst, dass der Mensch und der Computer sich aus Sicht des Determinismus nur im Komplexitätsgrad unterscheiden, dann hat entweder das Wissen um den Determinismus auch für den Menschen keine Relevanz oder aber, und das wäre meine Antwort, es hat einen Einfluss, aber keinen Mehrwert: Ein Regelkreislauf, der weiß, dass er ein Regelkreislauf ist, entscheidet aufgrund dieses Wissens nicht besser, höchstwahrscheinlich sogar nicht mal anders. Wie du weiter unten schreibst, muss mit Mördern ja trotzdem gerichtlich verfahren werden und es müssen Sanktionen ausgesprochen werden, d.h. der Regelkreislauf bleibt erhalten. Die Frage ist, was das Wissen um die Determiniertheit hier ändern sollte. Eventuell benutzt man eine andere Sprachregelung, redet von "Bestrafung" vielleicht von "Anreiz zur Besserung", was aber Jacke wie Hose ist und den Diskussionsaufwand nicht lohnt. Dazu weiter:
fopa hat geschrieben:Die Entscheidungen und Taten von Mördern werden keineswegs bagatellisiert. Das hatte ich ja auch schon beschrieben. Immerhin laufen solche Handlungen den Interessen der meisten anderen Menschen zuwider. Letztere werden daraufhin versuchen, mit dem Mörder in einer solchen Weise zu verfahren, dass ihre Interessen künftig nicht mehr verletzt werden. Der Unterschied ist, wie gesagt, das (Selbst-)Verständnis: Wenn der Mörder aufgrund der Umstände und seiner inneren Verfassung gar nicht anders handeln konnte, so ist er nicht böse, sondern hat "lediglich" die Interessen der Gesellschaft verletzt. Seine Handlungen waren eine Art Naturkatastrophe, an der niemand schuld ist. Nichtsdestotrotz können Maßnahmen ergriffen werden, solche Naturkatastrophen künftig zu verhindern. Schließlich machen Menschen das bei Stürmen und Überflutungen auch: Erdrutsche und Lawinen können durch entsprechende Stabilisierungen vermieden werden, gegen unvermeidliche Sturmfluten baut man Deiche, um sich zu schützen.
Die Selbstüberlistung, die du hier betreibst, ist, dass du für den Mörder und für dich/die Gesellschaft hier implizit unterschiedliche Regeln in Anspruch nimmst. Wenn der Mord eine Naturkatastrophe war, dann ist die Hinrichtung des Mörders eben auch eine. Du kannst nicht einerseits fordern, dass man den Mördern aus der Objektperspektive als fehlfunktionierende Maschine begreift, die sich nicht bewusst für das Nicht-Morden entscheiden konnte, aber andererseits an den Rest von uns appellieren, dass wir uns bewusst für einen anderen Umgang mit dem Mörder entscheiden sollen. Wenn der Mörder sagen darf "Ich konnte nicht anders, als zu morden", darf der Richter auch antworten "Und ich kann nicht anders, als sie zu 20 Jahren Gefängnis zu verurteilen." Das ganze ist eine symmetrische Angelegenheit, d.h. entweder benutzen beide die deskriptive Objektperspektive ("Erst mordet der Mörder, weil er nicht anders kann, dann richtet der Richter, auch weil er nicht anders kann.") oder beide die normative Subjektperspektive ("Ich habe gemordet, weil ich XY gehasst habe" - "Ich verurteile Sie, weil Sie des Mordes schuldig sind."). Aber man kann nicht das eine mit dem anderen vermischen. Letztlich wäre das übrigens auch eine Dehumanisierung des Mörders, weil ihm seine Verantwortungs- und Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird, auch wenn die Intention dafür eigentlich wohlwollend ist.
fopa hat geschrieben:Nanna hat geschrieben:Was du unterstellst, ist, dass der Mörder einerseits handeln MUSS, wie er handelt, dass er aber andererseits friedlicher, empathischer und toleranter werden kann, wenn er sich eingesteht, DASS er morden muss. Das ist doch - Verzeihung - albern und grotesk.
Das wäre in der Tat grotesk. @ice's Aussage bezog sich aber nicht auf den Mörder, sondern die anderen Menschen und ihre Sicht
auf den Mörder. (Siehe vorangegangenen Absatz.)
Ja, und genau das ist eben inkonsequent. Warum ist die Determiniertheit ausgerechnet beim Mörder entscheidend? Warum sollte man von anderen Menschen fordern, dass sie sich von einer bestimmten Meinung über Mörder lösen (zu der sie laut Determinismus eigentlich gezwungen sind!), aber nicht vom Mörder, dass er sich von seiner Affinität zum Töten löst? Implizit werden hier zwei unterschiedliche Klassen von Determiniertheit eröffnet: Eine harte für den Mörder, der gar nicht anders konnte, und eine weiche für den Rest, dem unterstellt wird, dass er dem Mörder irgendwas voraus hätte und eben doch anders über den Mörder denken könnte. Aber wenn den Mörder seine Lebensgeschichte dazu zwingt, zu morden - warum sollte meine mich weniger dazu zwingen, Mörder zu hassen und baumeln sehen zu wollen? Sorry, ich bleibe dabei: Das ist überhaupt nicht zu Ende gedacht.
fopa hat geschrieben:Der Kompatibilismus macht es zwar subjektiv leichter, mit den gesellschaftlichen Konsequenzen des Determinismus umzugehen, aber letzten Endes ist er - objektiv gesehen - inkonsequent.
Ich verweise dich da an Agent, der sich viel besser damit auskennt. Ich folge hier seinen und Vollbreits Darlegungen, die meines Erachtens schön zeigen, dass das nicht richtig und der Kompatibilismus nicht nur konsequent, sondern im Gegensatz zu ice's Determinismusinterpretation sogar widerspruchsfrei ist.
fopa hat geschrieben:Ich gebe zu, dass es schwierig zu durchdenken ist, dass all die Begriffe, die du genannt hast, durch einen "harten" Determinismus nicht entkernt werden. Sie sollen auch nicht aufgegeben werden. Das was sich durch die Abkehr von der Annahme eines nicht-determinierten Willens und damit Entscheidungen ändert, ist das Verständnis für die Handlungen Anderer. (Was nicht heißt, dass diese Handlungen gebilligt werden, wie ich bereits ausgeführt habe.)
Ihr verknüpft hier zwei Sachen, zwischen denen keine logische Verknüpfung besteht. Aus dem Wissen um den Determinismus folgt logisch nicht, dass man mehr Verständnis für die Handlungen Anderer entwickelt. Das ist ein Scheinzusammenhang und eigentlich eine völlig unabhängige Forderung. Wer den naturlistischen Fehlschluss kennt, kann das auch leicht sehen, denn es wird hier versucht, aus einer deskriptiven Theorie eine normative Handlungsanweisung abzuleiten, und dass das prinzipiell logisch widersprüchlich ist, hat Hume schon vor vierhundert Jahren gezeigt. Das Wissen um den Determinismus kann beispielsweise genausogut dazu führen, dass man sich in seiner harten Haltung gegenüber Mördern bestätigt fühlt und sich denkt: "Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, dass ich die eingesperrt und aufgehängt sehen will, ich kann ja eh nicht anders."
fopa hat geschrieben:Ich gebe dir aber insofern Recht, als auch ich der Meinung bin, dass es wenig Sinn macht, eine deterministische Sichtweise zu propagieren. Die meisten Menschen werden darin als letzte Konsequenz einen totalen Fatalismus sehen und es deswegen ablehnen.
Das ist, glaube ich, eher eine Rationalisierung, um die Enttäuschung zu kompensieren, die daraus entsteht, dass diese ganzen Schafe da draußen einfach die wahre, friedenstiftende Konsequenz des Determinismus nicht sehen wollen.

Ich glaube aber, dass die meisten Menschen zumindest unterbewusst mitkriegen, dass der Determinismus für ihr Leben keine Implikationen hat. Es ist doch auch wirklich egal, ob man im Nachhinein jetzt sagt, dass es so kommen musste oder ob man sagt, dass das alles eine Verkettung von Zufällen war. Man ist so und so da, wo man ist, und auch der Determinist hätte nicht treffsicherer entschieden, weil er den Determinismus ja selber auch nur in der Retrospektive "sehen" kann. Rückwärtserklärungen sind zwar hilfreich als empirische Daten (als Politikwissenschaftler, der keine Experimente mit seinem Gegenstand durchführen kann, mache ich selbst prinzipiell nichts anderes als retrospektive Erklärungen, kenne also durchaus deren Wert), ändern aber nichts daran, dass man für die Zukunft ja trotzdem mit genau jenen Kategorien operieren muss, mit denen man schon in der Vergangenheit operierte. Anders gesagt, wahrscheinlich sind viele Leute heimliche Kompatibilisten, auch wenn sie das nicht wissen oder dieses Gebiet ergründet haben.
fopa hat geschrieben:Viel wichtiger für das Zusammenleben ist die Einsicht, dass Menschen nicht böse sind, wenn sie etwas tun, sondern schlicht aufgrund der Umstände so handeln oder ihren Interessen folgen.
Ich finde ehrlich gesagt, dass die Kategorie "böse" auf einen Mörder, der nicht anders konnte als böse zu handeln, viel besser passt als auf einen Menschen mit Entscheidungsfreiheit, der prinzipiell auch anders hätte handeln können. Denn der determinierte Mörder war schon immer böse und würde auf jeden Fall böse gehandelt haben. Der Determinismus betoniert diese Feststellung eigentlich noch mehr.
Natürlich muss auch der harte Determinist nicht annehmen, dass der Mörder immer so bleiben muss. Er kann aber darüber, ob etwas getan wird, was den Mörder ändert, genauso wenig entscheiden wie der Mörder selbst entscheiden konnte. Weshalb dieser normative Determinismus, den ihr hier propagiert, eben in sich widersprüchlich und witzlos ist.