Szientismus oder die böse Wissenschaft

Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Lumen » Mi 7. Aug 2013, 19:10

Der geschätze Steven Pinker hat nun einen sehr lesenswerten, und von einigen großen Namen für würdig befundenen Text zum Thema Szientismus veröffentlicht. Im Artikel „Science Is Not Your Enemy. An impassioned plea to neglected novelists, embattled professors, and tenure-less historians” zeichnet Pinker die Ausgangslage nach, wie von allen Seiten, ob nun Links oder Rechts, der Vorwurf geäußert wird, die Wissenschaften würden ihr Hoheitsgebiet übertreten, insbesondere in die Geisteswissenschaften hinein (im englischen genannt Humanities, aber die Übersetzung ist nicht ganz Eins-zu-Eins). Das Wort „Szientismus” sei vielmehr ein Buh-Ruf, der kaum definiert sei, und dessen Bedeutung sich nach Wetterlage und von Autor zu Autor unterscheide. Er geht dann auf die Fortschritte ein, und merkt dabei an, dass zwar jeder gerne von Krankheiten geheilt werden möchte, dann aber eine irrationale Furcht vor wissenschaftlichen Erkenntnissen vorherrscht.

Jerry Coyne, der den Artikel lesenswert kommentierte, merkt dabei an, wie die Theologie außer Irrwege bisher nichts beisteuern konnte und dem abgefahrenen Zug neidisch hinterherkläfft. Dabei ist Pinker's Kritik kein Angriff auf die Geisteswissenschaften. Er stellt im Gegenteil klar, dass die Disziplinen notwendig für eine funktionierende Gesellschaft sind, sie sich aber in einer Krise befinden, da sich weder die Gesellschaft, noch Studenten für die Fächer interessierten und eine Infusion neuer Ideen daher wichtig wäre (das ist etwa das, was wir hierzulande „brotlose Kunst” nennen, oder studieren um dann Taxifahrer zu werden).

Steven Pinker hat geschrieben:The humanities are the domain in which the intrusion of science has produced the strongest recoil. Yet it is just that domain that would seem to be most in need of an infusion of new ideas. By most accounts, the humanities are in trouble. University programs are downsizing, the next generation of scholars is un- or underemployed, morale is sinking, students are staying away in droves. No thinking person should be indifferent to our society’s disinvestment from the humanities, which are indispensable to a civilized democracy.


Pinker geht auch näher auf die Spezialfälle ein, wie der Kritik am Reduktionismus. Aber da übergebe ich nun mal das Wort an die Interessierten.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon ujmp » Mi 7. Aug 2013, 21:00

Danke für den Link. Pinker spricht mir sehr aus dem Herzen. Ich glaub allerdings, dass es gerade den Ideologen aus Politik und Religion nur Recht ist, wenn sich wissenschaftliches Denken nicht in ihre Geschäfte einmischt. Wissenschaftsschmähung hat da eine gewisse Methode. Da geht es nicht darum, zu wissen, was die Welt zusammenhält, sondern wie man Leute für Ideologien einspannt. Da stört intellektuelle Klarheit und Bescheidenheit natürlich.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon ujmp » Mi 7. Aug 2013, 21:02

Hier ein evtl. passender Beitrag, wie Wissenschaft als Institution funktioniert und wie abgrundtief falsch das oft in der Öffentlichkeit dargestellt wird:

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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon mat-in » Fr 9. Aug 2013, 09:57

Was in der Doku leider fehlt - ich hab die BBC dafür auch gemeckert per Mail - ist, daß es aktiv Finanzierung gibt im Millionenbereich um mit PR-Kampagnen Wissenschaft die nicht in die eigene Agenda paßt unglaubhaft zu machen. Siehe: "Rauchen ist nicht gesundheitsschädlich" oder "Es gibt keine Klimaerwärmung" (sind interessanter Weise sogar die gleichen Persönlichkeiten die da bezahlt werden/wurden!).
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Vollbreit » Fr 9. Aug 2013, 10:46

Ich finde es ja immer wieder amüsant wie leicht es ist, sich selbst das Ausweis geistiger Überlegenheit auszustellen. Man braucht sich nur als „Skeptiker“ zu bezeichnen, am besten ist, man ist noch bei einer Skeptiker-Bewegung dabei, der ultimative Ritterschlag des geistigen Proletariats.
Nur eines, das darf man bitte nicht sein: Klimaskeptiker. Wobei der Ausdruck schon sprachlich so missglückt ist, dass er zum Inhalt passt.

Auch die beinhärtesten „Klimaskeptiker“ leugnen nicht (Klima“empordas“ mal ausgenommen), dass es einen Klimawandel gibt, was bezweifelt wird, ist, dass der Klimawandel a) überwiegend menschengemacht ist, b) vom Menschen wesentlich zu beeinflussen ist, c) die Folgen so dramatisch werden, wie prognostiziert wird und d) man überhaupt seriös sagen kann, wie es werden wird.

M.E. ist der Klimawandel kein ernsthaft zu bestreitendes Faktum, wer Zweifel hat möge sich Luftbilder der Arktis, von vor einigen Jahrzzehnten und heute anschauen oder die Einwohner von Gebirgsregionen nach Schneeegrenzen damals und heute befragen.
Dass der Klimawandel zu einem gewissen Teil menschengemacht ist, dafür sprechen m.E. gute Gründe.
Dass der Wandel schlimm werden wird (jede Klimaveränderung hat für einige Bereiche, Tiere, Bevölkerungsgruppen, positive, für andere negative Auswirkungen) halte ich für unzureichend belegt, dass man präzise prognostizieren kann, wie sich das Klima entwickeln wird, halte ich aufgrund der Unwägbarkeiten die massive Auswirkungen haben, wie der Sonnenfleckenaktivität und vor allem Art und Zahl der sich bildenden Wolken für eine optimistische Behauptung, zumal wenn die Modell um lächerliche 6,5° voneinander abweichen.

Dass nun ausgerechnet die Klimawandelnichtskeptiker oder, um es mit einem beliebten Ausdruck von Lumen zu sagen, die Klimawandelapologeten, finanziell nicht davon profitierten, ideologisch frei und unbelastet wären und der plötzlichen Aufmerksamkeit ihrer Nischenwissenschaft durch die Bank uneitel begegnen würden, das ist wohl eine Eigenschaft einzig den Szientisten vorbehalten ist.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Vollbreit » Fr 9. Aug 2013, 11:01

Mal an Lumen und ujmp die Frage, ob ihr eine Grundahnung habt, warum man so etwas wie dem Szientismus überhaupt ablehnend, um nicht zu sagen: „skeptisch“, gegenüberstehen kann? M.E. ist der klasssische Text dazu Habermas' „Erkenntnis und Interesse“, von 1968.
http://de.wikipedia.org/wiki/Erkenntnis_und_Interesse
Kennt einer von Euch dieses Buch oder hat es mal in Auszügen gelesen? Hat einer von Euch vor, dieses Buch innerhalb der nächsten 10 Jahre zu lesen?
Möchte einer die Thesen dieses Buchen besprechen? Oder läuft die Intention für den den Thead eher nach dem Namensschild einer Hamburger Wohngemeinschaft: „Hartwigsen & Brammsen“?
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Zappa » Fr 9. Aug 2013, 11:26

@Vollbreit: Gegenvorschlag: Lies doch Du zuerst den verlinkten Artikel von Pinker. Dem geht es nämlich nicht sosehr um eine grundlegende Debatte über Erkenntnistheorie, sondern um eine Kritik an einer rückwärtsgewandten, erkenntnisfeindlichen und interessengeleiteten Wissenschafts"Kritik".

Ich persönlich denke auch, dass uns ein Umweg über Hegel und Marx hier nicht so wirklich hilft :mg:
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Vollbreit » Fr 9. Aug 2013, 11:41

Ich habe ihn gelesen.
Wenn jede Form der Wissenschaftskritik dann automatisch rückwärtsgewandt und interessegeleitet ist (kommt mir vor, als hätte es doch was mit erwähntem Buchtitel zu tun), dann braucht man ja auch gar nicht zu diskutieren, willkommen auf Lumens Lieblingsterrain.

Und also also wurde verkündet... :mg:
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Zappa » Fr 9. Aug 2013, 13:37

Vollbreit hat geschrieben: Wenn jede Form der Wissenschaftskritik dann automatisch rückwärtsgewandt und interessegeleitet ist ...

Natürlich nicht jede, aber sehr viel davon und gute Wissenschaftskritik ist kaum zu finden. Pinker plädiert vor allem dafür, dass sich die Nicht-Naturwissenschaften den Erkenntnissen der Naturwissenschaften nicht weiter verschließen. Psychiatrie ohne Neurobiologie, Linguistik ohne Genetik, Moralphilosophie ohne Molekularbiologie und Philosophie ohne Physik ist halt hoffnungslos rückständig (oder vielleicht besser ausgedrückt: "Noch nicht einmal mehr falsch").

Und vor allem stellt Pinker noch einmal klar, was der Wahrheitsanspruch der Naturwissenschaften ist und was eben nicht. Damit haben viele halt erhebliche Verständnisprobleme (zugegebenermaßen auch einige Naturwissenschaftler).
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Vollbreit » Fr 9. Aug 2013, 15:23

Guter Witz.

Da wird von naturwissenschaftlicher Seite immer gejammert, die bösen wer-auch-immers - vom UFO-Gläubigen bis zum Sozialwissenschaftler verwimmt ja alles zu einer sonderbaren Einheit, die vermutlich dem strengen Bedürfnis nach Rationalismus der szientistischen Heilsfront geschuldet ist – wären beleidigt, wenn man in ihren Gewässern fischt, bei einem demonstraitv herblassenden Desinteresse gegenüber all dem was diese Wortverdreher anzubieten haben und dann heißt es, man möge doch bitte bei der Wisenschaftskritik sachlich vorgehen (und nicht so, wie die szientistische Heilsfront). Dialogaufkündigung ist eben immer nur von einer Seite aus sexy. Da kann man einen drauf pinkern.

Jetzt mal ohne Polemik. Ich habe z.B. in dem überaus lesenswerten Aufsatz „Niedergang und Sturz der Kausalität“ des Physikers und Philosophen Friedrich Waismann (who the fuck is … ? http://de.wikipedia.org/wiki/Waismann ) die Anmerkung gelesen, dass der Kernsatz der Logik schlechthin, der Satz vom ausgeschlossenen Dritten (demzufolge etwas nur hier und nicht woanders sein kann, also stets einen festen Ort hat) nicht zur Kopenhagener Deutung der Quantenphysik passt, derzufolge die Idee an ein realistisches Universum (in dem jedes Teilchen seinen definierten Ort hat) aufzugeben sei.

Ich finde das ungeheuer interessant, lese hier aber nur blödsinnige paläologische Ergüsse darüber, dass alle Nichtszientisten Esoteriker, Kreationisten, mindestens aber christliche Fundamentalisten sind, insbsondere von ujmp, der nie davon abzubringen sein wird, dass Popper irgendwo nicht das erste und letze Wort haben könnte, auch durch Dich nicht, Zappa, und Lumen, der schon wieder dabei sein wird, die nächste fundamenaltalchristliche Intrige aufzudecken und den „Trick“ öffentlich zu machen.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Zappa » Fr 9. Aug 2013, 17:59

Ganz habe ich das mit dem Witz nicht verstanden, auch kenne ich wenige jammernde Naturwissenschaftler (dafür reichlich religiöse, esoterische und auch einige geisteswissenschaftliche Jammerer) und den von Dir zitierten Artikel nicht.

Allerdings sollte es Dich als philosophisch vorgebildetem auch nicht verwundern, wenn Konstruktivisten (wie Habermas) sich in Widersprüchen und nicht haltbaren ontologischen Aussagen verstricken.

Ich kann mich auch nicht erinnern mit Dir schon über die Kopenhagener Deutung der Quantenphysik diskutiert zu haben. Das ist sicher ein sehr interessanter Aspekt, der zudem intensiv unter Physikern, dann von Physikern mit Philosophen und erst später (!) unter Philosophen diskutiert wurde (s.z.B. W. Heisenberg: Quantentheorie und Philosophie. Reclam). Ich habe damit auch weniger logische Probleme als ein Konstruktivist, dem "Entzugsgegenstände", also solche, die verschwinden, wenn man sie beobachtet, natürlich per definitionem ein (nicht-existentes) Gräuel sind. Vielleicht ist dein Weltbild einfach falsch, wenn dich physikalische Tatsachen (scheinbar) in logische Widersprüche bringen?

Ich kenne den Satz des ausgeschlossenen Dritten übrigens anders: "Jede Aussage ist entweder wahr oder falsch", d.h. sie kann nicht weder wahr noch falsch sein. Wo hast Du die Formulierung her?
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon ujmp » Fr 9. Aug 2013, 19:18

Vollbreit hat geschrieben:Mal an Lumen und ujmp die Frage, ob ihr eine Grundahnung habt, warum man so etwas wie dem Szientismus überhaupt ablehnend, um nicht zu sagen: „skeptisch“, gegenüberstehen kann? M.E. ist der klasssische Text dazu Habermas' „Erkenntnis und Interesse“, von 1968.
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Immer diese heiße Luft! Ich diskutiere gerne mit dir, wenn du konkret wirst und besonders, wenn du deine eigenen Gedanken vorträgst. Vielleicht willst du uns mal mit deinen eigenen Worten kurz und ohne Umschweife erläutern, wie du diesen Habermas verstanden hast ...
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon ujmp » Fr 9. Aug 2013, 19:32

mat-in hat geschrieben:Was in der Doku leider fehlt - ich hab die BBC dafür auch gemeckert per Mail - ist, daß es aktiv Finanzierung gibt im Millionenbereich um mit PR-Kampagnen Wissenschaft die nicht in die eigene Agenda paßt unglaubhaft zu machen. Siehe: "Rauchen ist nicht gesundheitsschädlich" oder "Es gibt keine Klimaerwärmung" (sind interessanter Weise sogar die gleichen Persönlichkeiten die da bezahlt werden/wurden!).

Sag mal bitte ein paar konkrete Beispiele. Es ist a) die Frage, wie das im Verhältnis zu der thematisierten Wissenschaftsfeindlichkeit steht die b) dadurch nicht gerechtfertigt wird.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Nanna » Fr 9. Aug 2013, 20:38

Zappa hat geschrieben:Allerdings sollte es Dich als philosophisch vorgebildetem auch nicht verwundern, wenn Konstruktivisten (wie Habermas) sich in Widersprüchen und nicht haltbaren ontologischen Aussagen verstricken.

Möchtest du das etwas konkreter ausführen? Ich fände es interessant.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Vollbreit » Fr 9. Aug 2013, 20:52

@ Zappa:

Wer wen kennt, läuft unter Anekdote und gildet nicht. Dass ich einen Witz gemacht habe, war mir nicht bewusst, dass Habermas Konstruktivist ist, ist immerhin zum Schmunzeln. Zu seinen Selbstwidersprüchen, lass uns ganz praktisch bei seiner Szientismuskritik bleiben, was stört denn da?

Zappa hat geschrieben:Vielleicht ist dein Weltbild einfach falsch, wenn dich physikalische Tatsachen (scheinbar) in logische Widersprüche bringen?
Das Beispiel war von Waismann.
Es sollte eigentlich nur zeigen, dass man mit der Frage, Beziehung von Physik und Philosophie auch mal ernst machen kann und sie einfach diskutieren kann, wobei meine Kritk hier am wenigsten Dir gilt.

Die Formulierung des SvaW ist auch von Waismann, stimmt aber. Wenn es wahr ist, dass meine Tasse auf dem Schreitisch steht, dann ist es falsch, dass sie in der Spülmaschine ist, das würde auch (klassisch) für Quantenzeugs gelten, gilt aber eben nicht.


@ ujmp:

Nein, ich will nicht erläutern, wie ich Habermas verstanden habe.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon ujmp » Fr 9. Aug 2013, 22:35

Vollbreit hat geschrieben:Nein, ich will nicht erläutern, wie ich Habermas verstanden habe.

Du müsstest schon mal irgendwann damit anfangen, Gedanken zu äußeren, satt mit Namen um dich zu werfen - wenn du ernstgenommen werden möchtest!

Vollbreit hat geschrieben:Die Formulierung des SvaW ist auch von Waismann, stimmt aber. Wenn es wahr ist, dass meine Tasse auf dem Schreitisch steht, dann ist es falsch, dass sie in der Spülmaschine ist, das würde auch (klassisch) für Quantenzeugs gelten, gilt aber eben nicht.


Dass ein Satz entweder nur wahr oder nur falsch sein kann, ist ein metaphysisches Problem und keine Tatsachenaussage. Selbst wenn das was du sagst etwas mit Quantenphysik zutun hätte, wären die Aussagen "Die Tasse ist im Kühlschrank" und "Das Tasse steht auf dem Tisch" kein Widerspruch. Aber davon abgesehen, man mag zwar bestimmte Phänomene so deuten können, dass Quantenobjekte an verschiedenen Orten zugleich sein können, aber eine Tasse hat in dieser Weise noch niemand beobachtet, das ist also der Denkfehler der Gehaltserweiterung. Und wenn, wäre das eben eine Tatsachenaussage, die nicht wahr und falsch zugleich sein kann. Versteh das mal!
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon AgentProvocateur » Fr 9. Aug 2013, 23:23

Lumen hat geschrieben:Der geschätze Steven Pinker hat nun einen sehr lesenswerten, und von einigen großen Namen für würdig befundenen Text zum Thema Szientismus veröffentlicht. Im Artikel „Science Is Not Your Enemy. An impassioned plea to neglected novelists, embattled professors, and tenure-less historians” zeichnet Pinker die Ausgangslage nach, wie von allen Seiten, ob nun Links oder Rechts, der Vorwurf geäußert wird, die Wissenschaften würden ihr Hoheitsgebiet übertreten, insbesondere in die Geisteswissenschaften hinein (im englischen genannt Humanities, aber die Übersetzung ist nicht ganz Eins-zu-Eins). Das Wort „Szientismus” sei vielmehr ein Buh-Ruf, der kaum definiert sei, und dessen Bedeutung sich nach Wetterlage und von Autor zu Autor unterscheide. Er geht dann auf die Fortschritte ein, und merkt dabei an, dass zwar jeder gerne von Krankheiten geheilt werden möchte, dann aber eine irrationale Furcht vor wissenschaftlichen Erkenntnissen vorherrscht.

Ich habe den Artikel gelesen, aber mir ist noch nicht mal klar geworden, was Pinker genau mit "science" meint. Ausschließlich Naturwissenschaften? Pinker ist wohl Professor für Psychologie. Ist Psychologie eine "science" oder gehört sie zu den "humanities"?

Unter „Szientismus” verstehe ich übrigens dies: die Auffassung, nur und ausschließlich Naturwissenschaften könnten interessante Fragen aufwerfen und beantworten und Wissen generieren. Alles andere, alle Fragen, die nicht von irgend einer Naturwissenschaft behandelt wird, in deren Gebiet falle, sei eine uninteressante und irrelevante Frage. Mit anderen Worten: alle akademischen Fachgebiete, die nicht unter "Naturwissenschaft" fielen, seien für die Tonne, verzichtbar und könnten ersatzlos gestrichen werden.

Nun ist Pinker Amerikaner und in den USA mag es, da dort Religion eine weit größere Rolle spielt als in Europe, diverse religiöse Einwände gegen Wissenschaft geben. Diese Diskussion kenne ich nicht und vermag ich nicht zu beurteilen und interessiert mich auch nicht. Daher kann ich auch mit dem Artikel von Jerry Coyne nichts anfangen - da der sich wohl nur gegen Theologie richtet.

Was mir ziemlich sauer aufgestoßen ist an Pinkers Text: ich finde, es ist ein ziemlich unguter rhetorischer Trick, die schlechtesten Argumente gegen Szientismus zu nennen und auf der anderen Seite ein reines Ideal von (Natur)-Wissenschaft dagegen zu stellen. Aus meiner persönlichen Erfahrung im universitären Betrieb kann ich sagen, dass auch Naturwissenschaftler nur Menschen sind, die mitnichten diesem Ideal täglich genügen.

Anders gesagt: daraus, dass es schlechte Argumente gegen Szientismus gibt, folgt nicht, dass es nicht auch gute Argumente gegen Szientismus (im oben von mir definierten Sinne) gibt.

Zitat von Pinker: "Linguistics and the philosophy of mind shade into cognitive science and neuroscience. " Ich denke das nicht, da hat er sich mE ziemlich verhoben. Anscheinend sagt er "science", meint aber "Naturwissenschaft". So wie hier in diesem Thread auch anscheinend einige "Wissenschaft" sagen, aber "Naturwissenschaft" meinen. Und Jerry Coyne verwendet "science" anscheinend ebenso. Und das läuft dann wohl letztlich tatsächlich auf die obige Definition hinaus.

Übrigens: dass in der Überschrift dieses Freds Wissenschaft als "böse" bezeichnet wird, ist ebenfalls ein unterirdischer rhetorischer Trick. Kindergartenniveau.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon AgentProvocateur » Sa 10. Aug 2013, 00:07

Noch ein paar Anmerkungen:

- die Forderung nach Interdisziplinarität ist ja gut und schön und wünschenswert, jedoch auch ein bisschen wohlfeil, denn heutzutage erfordert jedes Wissensgebiet ein sehr hohes Maß an Einarbeitung. Falls es Leute gibt, die auf mehreren Wissensgebieten Experten sind, dann wäre das natürlich optimal. Aber wenn sie das nicht sind, dann ziehe ich einen jeweiligen Experten vor. Will sagen: einem auf dem Gebiet der Physik dilettierenden Philosophen würde ich nicht ob dessen Aussagen über Physik vertrauen, jedoch umgekehrt ist das ebenso der Fall. Auf dem Gebiet der Philosophie dilettierende Naturwissenschaftler sind oft gruselig unterkomplex und das kann ich sogar als Hobby-Philosoph beurteilen.

- ein Naturwissenschaftler kann zwar problemlos und widerspruchsfrei sagen, dass ihn persönlich Philosophie überhaupt nicht interessiert, er nur seine empirische oder wie auch immer Forschung durchziehen will. Jedoch sollte er sich dann konsequenterweise auch von philosophischen Fragestellungen und vermeintlicher Beantwortung solcher fernhalten. Insbesondere sollte er nicht behaupten, dass nur sein Fachgebiet (oder Naturwissenschaft "an sich") für alle andere das einzig Interessante sein könne.

- das mit den "Grenzüberschreitungen" ist mE hier nicht ganz unwichtig. Mir erscheint es eine verständliche psychologische Reaktion zu sein, dass jemand ziemlich genervt ist, wenn Naturwissenschaftler das eigene - nicht naturwissenschaftliche, jedoch wissenschaftliche - Gebiet als irrelevant abtun, (z.B.: "Du bist Linguist? Ist überflüssig, wird durch Neurologie ersetzt"). Ich selber bin davon nun nicht betroffen, jedoch auch als Außenstehender halte ich diesen Anspruch des Naturwissenschaftlers für völlig absurd. Ist mE lediglich ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft, der durch nichts als blinde, unbegründete und unbegründbare Spökenkiekerei untermauert werden kann. Mit anderen Worten: meiner Ansicht nach unwissenschaftlich.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon ujmp » Sa 10. Aug 2013, 06:47

@AgentProvocateur

Ich find, man sollte das nicht immer gleich so zuspitzen, das verhindert sonst eine echte Diskussion. Es geht doch nicht um Etikette oder Schubladen, was "Wissenschaft" heißen darf, und was nicht! Es geht erst mal darum, was Wissenschaft ist. Pinker weißt darauf hin, dass sich bedeutende Naturwissenschaftler sehr tiefe philosophische und psychologische Gedanken gemacht haben. Es gibt dieses Entweder-oder doch überhaupt nicht!
Was es aber sicher gibt, sind jede Menge komplett willkürliche Behauptungen, die für sich den selben Stellenwert beanspruchen, wie mühselig erarbeitete Erkenntnisse. Wir sollten nicht zulassen, das Sciences und Humanities gegeneinander ausgespielt werden.
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Re: Szientismus oder die böse Wissenschaft

Beitragvon Zappa » Sa 10. Aug 2013, 07:12

Nanna hat geschrieben:
Zappa hat geschrieben:Allerdings sollte es Dich als philosophisch vorgebildetem auch nicht verwundern, wenn Konstruktivisten (wie Habermas) sich in Widersprüchen und nicht haltbaren ontologischen Aussagen verstricken.

Möchtest du das etwas konkreter ausführen? Ich fände es interessant.

Ich beziehe mich dabei auf eine Kritik von Markus Gabriel ("Warum es die Welt nicht gibt" - trotz Platzierung auf den Bestsellerlisten anspruchsvoll und lesenswert) an Habermas. Dazu muss ich etwas ausholen:

Gabriel unterscheidet in seinem Buch die erkenntnistheoretischen Ansätze grob in Materialismus, Konstruktivismus und Neuen Realismus. An einem Beispiel macht er den grundlegenden Unterschied klar: Wenn zwei Leute (A & B) einen Berg sehen, dann gibt es:

1. Laut Materialismus einen Gegenstand: Den Berg.
2. Laut Konstruktivismus zwei Gegenstände: Die Perspektive von A und B.
3. Laut neuem Realismus (den Gabriel vertritt) drei Gegenstände: Die beiden Perspektiven und den Berg.

Materialismus und Konstruktivismus vereinfachen demnach unbegründet die Wirklichkeit, "... indem sie die Wirklichkeit entweder einseitig als die Welt ohne Zuschauer oder ebenso einseitig als die Welt der Zuschauer verstehen." (a.a.O. S. 15)*

Habermas setzt auf die Kant´sche Erkenntnistheorie auf, die bekanntlich negiert, dass man Dinge an sich anschauen kann. Er ist nach dieser Definition Konstruktivist (natürlich gibt es hier, wie auch in den anderen Bereichen viele Subklassifizierungen), der "Trick" läuft über Kants Setzung, dass die Welt eine "regulative Idee" ist. Habermas drückt das u.a. so aus: "Aus dieser Sicht verliert auch die Unterscheidung zwischen Erscheinung und "Ding-an-sich" ihren Sinn. ... ontologisch betrachtet, tritt an die Stelle eines transzendentalen Idealismus ... ein interner Realismus. Demnach ist alles "real" was in wahren Aussagen dargestellt werden kann ..." (JH Kommunikatives Handeln und detranszendentalisierte Vernunft. Reclam 2001, S. 18).

Der Konstruktivismus führt nach Gabriel zu logischen Widersprüchen, dass Hauptproblem ist, dass mit ihm auch die Annahme des erkennenden Subjektes und damit die Grundlage der Philosophie verschwindet. Wenn alles nicht "wirklich gegenständlich" ist, sondern nur konstruiert, dann gilt das auch für uns (unser Gehirn, unsere Sinne, unser Subjekt), was natürlich zu Zirkelschlüssen oder logischen Widersprüchen führt. Er wirft allerdings Habermas weniger diese Widersprüche vor, sondern die Tatsache, dass er sich aufgrund seiner erkenntnistheoretischen Position auf die Bereiche zurückgezogen hat, wo dieser Ansatz funktioniert (Geisteswissenschaften) und weite Felder der Erkenntnistheorie den Naturwissenschaften überlassen hat.

--
*Die Lösung des Problems ist laut Gabriel, der falsche Weltenbegriff der Positionen 1 und 2, über den Weltbegriff des neuen Realismus geht es schwerpunktmäßig in dem Buch, das tut hier aber nichts zur Sache.
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