Was ist eigentlich Information?

Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon El Schwalmo » Di 23. Nov 2010, 08:29

ujmp hat geschrieben:
donquijote hat geschrieben:
Myron hat geschrieben: Das denke ich nicht, denn bloße physische oder chemische Reize oder Signale sind noch keine Zeichen.


Ja aber Information. Auch die Zeichen müssen schließlich in die gleichen inneren Prozesse umgewandelt werden wie die physischen oder chemischen Reize.

Sag doch mal, was dann keine Information ist!

vielleicht ist es interessant, nachzulesen, warum

Mahner, M.; Bunge, M. (2000) 'Philosophische Grundlagen der Biologie' Berlin; mult., Springer

dafür plädieren, auf den Begriff 'Information' zumindest im Sinn von 'genetische Information' im Bereich der Biologie besser zu verzichten, weil der Begriff 'Information' hier eher Verwirrung stiftet.

Interessant fand ich auch

Kary, M.; Mahner, M. (2004) 'Warum Shannons "Informationstheorie" keine Informationstheorie ist' Naturwissenschaftliche Rundschau 57 (11):609-616


Leider sind beide Argumente nicht so einfach in Kurzform zu posten. Falls jemand aber diese Arbeiten diskutieren möchte, können wir das gerne tun.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Myron » Di 23. Nov 2010, 08:41

El Schwalmo hat geschrieben:vielleicht ist es interessant, nachzulesen, warum
Mahner, M.; Bunge, M. (2000) 'Philosophische Grundlagen der Biologie' Berlin; mult., Springer

dafür plädieren, auf den Begriff 'Information' zumindest im Sinn von 'genetische Information' im Bereich der Biologie besser zu verzichten, weil der Begriff 'Information' hier eher Verwirrung stiftet.


Ja und nein. Man muss halt wissen, was dieser Begriff im biologischen Kontext wirklich bedeutet und was nicht.

"…This is a perfectly respectable sense in which biological information is indeed a kind of information. Dynamic procedural structures are a special type of informational entities, those that are in themselves instructions, programs, or imperatives."

(Floridi, Luciano. Information: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2010. p. 80)
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon donquijote » Di 23. Nov 2010, 12:31

Myron hat geschrieben: Genetische Information ist aber strenggenommen keine semantische Information, auch wenn der Sprachgebrauch der Biologen dies suggeriert. Sämtliche genetische Prozesse laufen unbewusst, d.h. ohne bewusste Dateninterpretation ab. Genetische Information ist wirkungsvoll, aber an sich nicht bedeutungsvoll; sie ist nicht deskriptiv, sondern instruktiv; sie ist, wie Floridi sagt, keine Information über die Realität, sondern für die Realität, die durch sie in bestimmter Weise beeinflusst und in eine bestimmte Richtung gelenkt wird.
Ein genetisches Programm ist sozusagen eine kausale Syntax ohne immanenten semantischen Aspekt.

"In the precise sense in which one may speak of semantic information, genetic information can hardly count as an instance of it. It simply lacks all its typical features, including meaningfulness, intentionality, aboutness, and veridicality. DNA contains the genetic code, precisely in the sense that it physically contains the genes which code for the development of the phenotypes. ..." (Floridi, Luciano. Information: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2010. pp. 79-80)


Ich finde, hier werden verschiedene Ebenen durcheinandergeworfen.

Da ist einerseits die DNA. Die besteht gewissermaßen aus Buchstaben. Menschen könnten die DNA also als genetische Information interpretieren, als eine Sprache, die sie verstehen. Zumindest für Genetiker stellt die DNA Information dar, so wie wir Information im Allgemeinen interpretieren. Ob sie auch irgendeine Information für das aus ihr entstehende Lebewesen oder gar die Evolution an sich oder den lieben Gott ist, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier. Um diese Frage ging es jedoch Bunge/Mahner und wohl auch Floridi.

Daneben gibt es aber das Lebewesen, welches aus der DNA entstanden ist, und - wenn es ein ganz einfaches ist - vollständig von der DNA gesteuert wird. Stellen wir uns vor, es bewegt sich bei der Nahrungssuche grundsätzlich vorwärts. Wenn es dann gegen etwas läuft und sich nicht vorwärts bewegen kann, wird es etwas zurück gehen und dann - nach einem Zufallsprinzip - entweder einen Haken 90 Grad rechts oder links schlagen und von da dann wieder geradeaus gehen.

Dann stellt die Tatsache, sich nicht vorwärts bewegen zu können, für das System eine Information (über die Beschaffenheit des Lebensraums) dar, und zwar selbst dann, wenn diese nicht zeichenmäßig vorliegt und auch nicht "bewusst" interpretiert wird. Das Tier nimmt etwas wahr, was zu einer Verhaltensveränderung führt. Die Information ist somit von Bedeutung.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon ujmp » Di 23. Nov 2010, 18:45

Myron hat geschrieben:
"…This is a perfectly respectable sense in which biological information is indeed a kind of information. Dynamic procedural structures are a special type of informational entities, those that are in themselves instructions, programs, or imperatives."

(Floridi, Luciano. Information: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford University Press, 2010. p. 80)


Diese Aussage verschiebt die Fragestellung m.E. nur auf "Was sind Anweisungen, Programme und Befehle?" Gibt es ein "biologisches Programm"? usw.

Wenn ein Ball gegen eine Wand stößt und die Richtung wechselt, hat er dann eine "Information" oder eine "Anweisung" von der Wand bekommen, dies zu tun? Ich würde sagen, nein. Es ist einfach sein Verhalten dies zu tun, oder genauer gesagt, das Verhalten des Versuchsaufbaues "Ball fällt gegen Wand". So ist es auch einfach nur das Verhalten eines Organismus mit bestimmten Genen durch Zellteilung ein Lebewesen zu werden, dass sich dann wiederum so und so verhält. In den Genen stecken - strenggenommen - gar keine Informationen. Sie sind nur der Bestandteil des "Versuchsaufbaues" "Organismus-Umwelt", der sich so und so verhält, z.B. sich reproduziert. Der Begriff "Information" ist bei diesen Vorgängen, wie mir scheint, überflüssig.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon El Schwalmo » Di 23. Nov 2010, 19:00

donquijote hat geschrieben:Daneben gibt es aber das Lebewesen, welches aus der DNA entstanden ist, und

die 'Information' auf der DNA ist meist um Größenordnungen geringer als die, die für den Bau eines Organismus benötigt wird. Du wirst beispielsweise nirgends auf der DNA eine Information darüber finden, wo beim Menschen der Kopf ist. Genauso wenig wie Du in einem Kochrezept finden wirst, wie man eine 'Prise Salz' nimmt. Wer nur das Kochrezept besitzt und keine Information darüber besitzt, wie man das Rezept umsetzt, ist in der Lage eines Außerirdischen, der nur die DNA-Sequenz eines Organismus kennt.

donquijote hat geschrieben: - wenn es ein ganz einfaches ist - vollständig von der DNA gesteuert wird.

Die DNA steuert gar nichts. Die DNA ermöglicht in der richtigen Umgebung die Entstehung eines Organismus. Die Steuerung übernimmt dann der Organismus. Die Information dazu liegt nur teilweise auf der DNA.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Zappa » Di 23. Nov 2010, 19:18

El Schwalmo hat geschrieben: Die DNA steuert gar nichts.


Ganz so ist es ja nun auch nicht. "Organisches Leben" ist ein selbstorganisierender Prozesse, in dem die DNA eine wichtige, sogar zentrale Rolle spielt. Natürlich spielen viele andere Faktoren eine Rolle (Epigenetik, z.B. Methylierung von DNA, Gradienten von Wachstumsfaktoren, DNA-RNA Interferenz etc. pp).

Die Idee, dass die DNA alles steuert ist natürlich vollkommen veraltet - zumal sie wohl evolutionär nach der RNA entstanden ist -, insofern gebe ich Dir Recht.

Was ist die "Information", die die DNA trägt? Ich versuche mal eine ad hoc Definition:

1. Im Zusammenhang der Zell- Organismusentstehung: Diejenigen Tripletsequenzen ohne die die Zelle / der Organismus nicht entstehen könnte.
2. Im Evolutionären Zusammenhang: Diejenigen genetischen Informationen, die den Trägerindividuen einen Selektionsvorteil verschaffen.
3. In der Forensik: Diejenigen Sequenzen nichtkodierender DNA, die den Täter überführen.
etc. pp.

Will sagen: Für mich hat Information einen teleologischen Aspekt und benötigt einen Bezug. Die abstrakte Frage: "Was ist Information" ist genauso wenig zu beantworten wie die Frage "Was ist Wahrheit". Aber ich denke man kann die Frage, was ist Information im Zusammenhang mit der Programmierung eines Computerprogramms einigermaßen zufriedenstellend beantworten.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Lumen » Di 23. Nov 2010, 19:28

Mehr ein Gedanke: könnte nicht jede Form (Struktur) Information sein, sofern nicht semantische Information gemeint ist. Die bräuchte ein Gegenstück, ein Art Interpretor für den die Information Bedeutung im weitesten Sinne besitzt. Somit wäre deterministisches Chaos Nicht-Information, ein Molekül hätte aber Information (durch Struktur) die auch semantische Information sein kann, wenn sie zum Beispiel wie in der DNA von einem Enzym interpretiert wird. Diese Form der semantischen Information ist für uns zunächst unverständlich, aber unser Gehirn scheint die Fähigkeit zu besitzen, andere Zustände quasi zu emulieren, bzw. zu übersetzen, sie entsprechend zu verknüpfen und ihr damit Bedeutung zu verleihen. Ich bin mir selbst nicht sicher, daher die unpräzise Ausdrucksweise.

Wenn Information im menschlichen Sinne verwendet wird, dann sind wir anscheinend beim Zeichenbegriff, der sich traditionell zumindest aus dem Gebilde aus Signifikant (Bezeichnendes), Signifikat (Bezeichnetes) und Referent zusammensetzt, lediglich der Referent existiert (mutmaßlich) außerhalb der menschlichen Kognition. Aber die ersten beiden Teile werden irgendwie gebildet, sobald wir beginnen, die Information zu übersetzen. Das was die traditionelle Semiotik Referen nennt, muss folglich notwendig Information besitzen oder gar »sein«. Die wiederum durch andere Interpretoren in einer für (zunächst) dem Menschen unverständlichen Weise genutzt werden könnte. Sofern wir mal außen vor lassen, ob es etwas außerhalb der menschlichen Wahrnehmung gibt.

Das würde im Schluss bedeuten das semantische Information jede Form von Information ist, die auf irgendeine Weise (prinzipiell) für den Menschen interpretierbar ist (auch wenn sie es in einem Moment nicht ist). Nagut, klingt fast nach Allgemeinplatz, aber einen Versuch war es Wert.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Myron » Di 23. Nov 2010, 21:33

donquijote hat geschrieben:Da ist einerseits die DNA. Die besteht gewissermaßen aus Buchstaben. Menschen könnten die DNA also als genetische Information interpretieren, als eine Sprache, die sie verstehen. Zumindest für Genetiker stellt die DNA Information dar, so wie wir Information im Allgemeinen interpretieren.


Genetiker sind ja im Gegensatz zu einzelnen Zellen bewusste Dateninterpreten.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Myron » Di 23. Nov 2010, 21:36

Zappa hat geschrieben:Was ist die "Information", die die DNA trägt?


Floridi weist darauf hin (siehe Zitat!), dass Gene keine Informationsträger, sondern die Information selbst sind.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon El Schwalmo » Di 23. Nov 2010, 22:07

Myron hat geschrieben:
Zappa hat geschrieben:Was ist die "Information", die die DNA trägt?


Floridi weist darauf hin (siehe Zitat!), dass Gene keine Informationsträger, sondern die Information selbst sind.

für mich ist das ein Argument, hier auf den Begriff 'Information' zu verzichten. Denn sonst wäre ein Bitstring aus Nullen und Einsen 'Information selbst', vollkommen unabhängig davon, ob der von einem Computer irgendwie umgesetzt werden kann.

Nur nebenbei: Wenn ich richtig informiert bin, ist der Begriff 'Gen' einer der kompliziertesten in der Molekularbiologie. Die Zeiten, als man sagte, dass ein Gen ein Stück DNA sei, sind längst vorbei. Was ist beispielsweise bei Exon-Shuffling ein 'Gen'? Wie sieht ein Mensch an einer gegebenen DNA, was ein 'Gen' ist?

Nur falls es jemanden interessiert, schon etwas älter, aber immer noch aktuell:

Rheinberger, H. (1999) 'Die Evolution des Genbegriffs: Fragmente aus der Perspektive der Molekularbiologie' in: Junker, T.; Engels, E.-M.; (Hrsg.) 'Die Entstehung der Synthetischen Theorie. Beiträge zur Geschichte der Evolutionsbiologie in Deutschland 1930 - 1959' Berlin, VWB S. 323-341


oder neuer

Müller-Wille, S.; Rheinberger, H. (2009) 'Das Gen im Zeitalter der Postgenomik. Eine wissenschaftshistorische Bestandsaufnahme' Frankfurt, Suhrkamp
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Myron » Di 23. Nov 2010, 22:11

El Schwalmo hat geschrieben:Wenn ich richtig informiert bin, ist der Begriff 'Gen' einer der kompliziertesten in der Molekularbiologie.


Das ist alles in der Tat hochkompliziert.

http://plato.stanford.edu/entries/gene

http://plato.stanford.edu/entries/infor ... biological
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Myron » Di 23. Nov 2010, 22:13

El Schwalmo hat geschrieben:für mich ist das ein Argument, hier auf den Begriff 'Information' zu verzichten.


Einige Theoretiker lehnen die Verwendung des Informationsbegriffs in der Biologie ab:

http://plato.stanford.edu/entries/infor ... jInfConBio
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon El Schwalmo » Di 23. Nov 2010, 22:39

Myron hat geschrieben:
El Schwalmo hat geschrieben:Wenn ich richtig informiert bin, ist der Begriff 'Gen' einer der kompliziertesten in der Molekularbiologie.


Das ist alles in der Tat hochkompliziert.

http://plato.stanford.edu/entries/gene

http://plato.stanford.edu/entries/infor ... biological

yepp. Und noch einen Tick komplexer wird es, falls man nun mit Genen argumentiert, wenn es um Verhalten geht. Und die Krone ist dann, mit Genen hinsichtlich Intelligenz zu argumentieren.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon donquijote » Di 23. Nov 2010, 23:06

El Schwalmo hat geschrieben:yepp. Und noch einen Tick komplexer wird es, falls man nun mit Genen argumentiert, wenn es um Verhalten geht. Und die Krone ist dann, mit Genen hinsichtlich Intelligenz zu argumentieren.


Bitte beim Thema bleiben.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon El Schwalmo » Di 23. Nov 2010, 23:13

donquijote hat geschrieben:
El Schwalmo hat geschrieben:yepp. Und noch einen Tick komplexer wird es, falls man nun mit Genen argumentiert, wenn es um Verhalten geht. Und die Krone ist dann, mit Genen hinsichtlich Intelligenz zu argumentieren.


Bitte beim Thema bleiben.

das Thema ist, wie Mersch-Jünger mit allen Tricks arbeiten, um auf das Oeuvre ihres Meisters hinweisen zu können?
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon donquijote » Di 23. Nov 2010, 23:14

Lumen hat geschrieben:Mehr ein Gedanke: könnte nicht jede Form (Struktur) Information sein, sofern nicht semantische Information gemeint ist. Die bräuchte ein Gegenstück, ein Art Interpretor für den die Information Bedeutung im weitesten Sinne besitzt. Somit wäre deterministisches Chaos Nicht-Information, ein Molekül hätte aber Information (durch Struktur) die auch semantische Information sein kann, wenn sie zum Beispiel wie in der DNA von einem Enzym interpretiert wird. Diese Form der semantischen Information ist für uns zunächst unverständlich, aber unser Gehirn scheint die Fähigkeit zu besitzen, andere Zustände quasi zu emulieren, bzw. zu übersetzen, sie entsprechend zu verknüpfen und ihr damit Bedeutung zu verleihen. Ich bin mir selbst nicht sicher, daher die unpräzise Ausdrucksweise.


Das ist ein interessanter Gesichtspunkt. Aber wie weit will man das treiben? Nehmen wir einmal die Rezeptoren aus der Biochemie. Stellt der Rezeptor für die Agonisten eine Information von Bedeutung dar? Ich will das nicht gleich zurückweisen, aber irgendwas sträubt sich in mir, das so zu sehen. Mir scheint da nur etwas zufällig zu passen. Entsteht die Bedeutung hier nicht erst beim beobachtenden Biochemiker?
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon Lumen » Mi 24. Nov 2010, 00:13

Das kommt wohl darauf an, was mit Bedeutung gemeint ist. Im engen Sinne scheint Bedeutung eine rein kognitive Erscheinung zu sein. Aber eine zentrale menschliche Eigenschaft besteht genau aus einer Art Empathie, in Ermangelung eines besseren Ausdrucks für die Fähigkeit die außenliegende Welt zu verinnerlichen und zu eigen zu machen und dann quasi als Simulation laufen zu lassen (und dabei zu be-zeichnen). Wobei Regeln gebildet werden, die zu den beobachteten Mustern passen oder vielleicht auch die Muster im mentalen Modell mit den beobachteten in Übereinstimmung gebracht werden und dabei die Regeln entstehen. Dabei übernimmt der Beobachter in gewisser Weise die Position eines Moleküls, Muskels, Tieres, Planeten usw.

Der Gedanke ist der, dass die Bedeutung dann entsteht. Für den Planeten selbst hat die Gravitation keine Bedeutung, für den Menschen zunächst auch nicht (jedenfalls nicht in einer engeren Definition von Bedeutung). Die Gravitation bekommt dann Bedeutung, sobald sie in der Kognition innerhalb eines Modells aufscheint, wobei sie dann in der klassischen Semiotik ein Referent ist, das be-zeichnet wird, womit eine Art Konzept entsteht das ein Bauteil eben jenes mentalen Modells wird (es könnte auch ein Muster sein, oder sogar das Fehlen eines Referenten, also eine Leerstelle). In einem menschenlosen Universum müsste jenes »Etwas« vorhanden sein, das in einem mentalen Modell eines Menschen eine Bedeutung bekommen würde — dieses Etwas würde ich Information nennen. Sofern wir an eine Existenz des Universums außerhalb des menschlichen Geistes für wahr halten (das immer vorausgesetzt). Das ist eine Herangehensweise sozusagen durch die Hintertür, aber mir fällt nicht ein, wie eine direkte Definition möglich sein kann, weil man sich dann leicht verheddert. Dieses Modell der Semiotik ist nicht gerade der letzte Schrei. Gut möglich, das jemand was neueres kennt. Jedenfalls muss man dann davon ausgehen, dass eine genetische Zeichenfolge (hier bereits mentales Modell) Informationen enthält, bzw. ist denn es handelt sich um etwas »verstehbares«, es folgt irgendeiner Gesetzmäßigkeit die kognitiv verarbeitbar ist. Spult man dieses zurück, muss irgendetwas bereits vorhanden sein, also eine Art Vor-Bedeutung besitzen und diese müsste demnach das sein, was ein Enzym etc. »verstehen kann«. Die einschlägige Bio Debatte kenne ich (noch) nicht, wahrscheinlich gibt es andere Gründe, warum der Begriff abgelehnt wird.

Man könnte auch hinzufügen, das jede beliebige Anordnung / Struktur in diesem Sinne Information enthält (bzw. die Struktur oder Form ist die Information). Man denke an einen Würfel. Der Würfel ist erst mal ein Klumpen in der Wirklichkeit, aber er kann ein Objekt in einem mentalen Modell werden, wo seine Struktur dann seltsame Gesetzmäßigkeiten offenbart. Die geometrischen Eigenschaften könnte aber eine Vor-Bedeutung haben z.B. chemisch von Belang sein (die chemischen Abläufe funktionierten ja auch vorher, so auch wie der Planet vor Auftauchen der Menschheit mutmaßlich seine Bahnen gezogen hat). In unserer Vorstellung erscheinen z.B. regelmäßige Wahrscheinlichkeiten auf der Bildfläche (wenn geworfen kann jede jede Seite des Würfels mit der gleichen Wahrscheinlichkeit erscheinen, aber trotzdem kann in der Realität jedes mal die gleiche Seite »gewürfelt« werden). Der Würfel hat erst mal keine Informationen, er hat aber bestimmte Qualitäten oder Eigenschaften (noch so Wörter), die zu Wahrscheinlichkeiten und anderen Gesetzmäßigkeiten führen, die nur in unserer Vorstellung existieren, aber dann doch schon da waren und in anderen Kontexten eine (Vor-)Bedeutung haben mussten. Wir müssen also erst mal davon ausgehen, dass der Würfel so oder so anders beschaffen ist, als z.B. eine chaotische Masse. Dieses »andere« müsste demnach das sein, was Information genannt wird, die Information müsste der Logik folgend demnach das Unterscheidungsmerkmal sein, dass in unserer Vorstellungswelt ein Objekt von einem anderen unterscheidbar macht.

Disclaimer: mir ist durchaus bewusst, dass ich hier diverse Sachen zusammenwerfe. Es erscheint mir aus interdisziplinärer Perspektive zumindest nicht abwegig. Ich bin bestimmt belehrbar. ;)
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon donquijote » Mi 24. Nov 2010, 05:10

Lumen hat geschrieben:Man könnte auch hinzufügen, das jede beliebige Anordnung / Struktur in diesem Sinne Information enthält (bzw. die Struktur oder Form ist die Information). Man denke an einen Würfel. (...) Dieses »andere« müsste demnach das sein, was Information genannt wird, die Information müsste der Logik folgend demnach das Unterscheidungsmerkmal sein, dass in unserer Vorstellungswelt ein Objekt von einem anderen unterscheidbar macht.


Der Würfel kann aber doch nur für den Information enthalten, der ihn wahrnimmt (und von anderen Objekten unterscheiden kann). Und selbst dann bleibt die Sache fraglich.

Stellen wir uns einen Strand im indischen Ozean vor. Es ist am Abend noch immer sehr warm und einige Jugendliche trompeten mit Vuvuzelas herum. Die meisten Urlauber hören gar nicht mehr hin. Da erklingt auf einmal ein anderes Tröten, und zwar aus Hörnern, die zu einem Tsunamie-Warnsystem gehören.

Offenbar stellen die Vuvuzela-Töne (obwohl sie recht ähnlich klingen) für die meisten Strandbesucher keine Information von Bedeutung dar, das Tsunamie-Tröten aber sehr wohl. Also kann die Semantik einer Information doch eigentlich nur etwas wirklich Subjektives sein.

Die Systemische Evolutionstheorie würde wohl wie folgt argumentieren: Alle Lebewesen versuchen mehr oder weniger ihre Kompetenzen zu bewahren. Die Vuvuzelas spielen dafür keine besonders große Rolle, es sei denn, jemand wird dadurch wirklich nervös oder fühlt sich im Schlaf (= Regeneration/Kompetenzbewahrung) gestört.

Ein Tsunamie würde die eigenen Kompetenzen jedoch vernichten (= Tod). Deshalb hat dieses Signal eine ungeheure Bedeutung. Und deshalb wird darauf auch reagiert.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon ujmp » Mi 24. Nov 2010, 08:51

donquijote hat geschrieben:
Die Systemische Evolutionstheorie würde wohl wie folgt argumentieren: Alle Lebewesen versuchen mehr oder weniger ihre Kompetenzen zu bewahren. Die Vuvuzelas spielen dafür keine besonders große Rolle, es sei denn, jemand wird dadurch wirklich nervös oder fühlt sich im Schlaf (= Regeneration/Kompetenzbewahrung) gestört.

Ein Tsunamie würde die eigenen Kompetenzen jedoch vernichten (= Tod). Deshalb hat dieses Signal eine ungeheure Bedeutung. Und deshalb wird darauf auch reagiert.


Das entspringt, wie mir scheint, dem klassischen Missverstehen von Evolution. Ein Lebewesen versucht nicht Kompetenzen zu bewahren. Sondern: Es hat ein Verhalten geerbt, welches zu einer bestimmten Umgebung passt (survival of the fittest - des passendsten). Die Evolution ist ziellos. Alle Organismen, die ein Verhalten erben, das nicht zu ihren Umweltbedingungen passt, reproduzieren sich schlicht und einfach nicht.

Folgendes Modell: auf einer Ebene z.B. Tischplatte liegt ein Würfel und eine Kugel. Wenn man die Ebene ein wenig neigt, rollt die Kugel weg, aber der Würfel bleibt liegen. Sagen wir, die Kugel rollt vom Tisch und fällt in einen Mülleimer. Der Würfel "überlebt". Der Würfel überlebt aber nicht, weil er das will, sondern einfach, weil er so beschaffen ist. Er hat auch keine "Information" über seine Umwelt. Evolution bedeutet Aussieben. Diesen Prozess kann man vollständig ohne Zuhilfenahme des Informationsbegriffes erklären.
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Re: Was ist eigentlich Information?

Beitragvon ujmp » Mi 24. Nov 2010, 10:05

Was mich am meisten an der Problematik interessiert ist die Frage, ob die Annahme einer geistigen "Domain" nötig ist, um Leben zu erklären. Das würde IDlern natürlich gefallen( denen gefällt sicher auch die Unschärfe des Begriffes "Information"). Man kann "Information" sicherlich so definieren, dass sie unentbehrlich wird, aber nur indem man andere unentbehrliche Begriffe ersetzt. Z.b. "Impuls = Information" oder "Physikalische Gesetze = Information". Das wäre aber nichts weiter als eine Änderung von Sprachregelungen und würde überhaupt nichts zur Erklärung des Lebens beitragen.

Es ist ja durchaus sinnvoll, biologische Prozesse mit Metaphern zu umschreiben, man darf nur nicht vergessen, dass es Metaphern sind.
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